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24.10.18

Inkonsequent leben

Ein kleiner Vorfall hat mich zum Denken gebracht.
Ich habe eine fortgeworfene Getränkedose aufgehoben, in den Gulli entleert, zur Flaschenannahme bei dem nahen Supermarkt gebracht und das Pfand über eine Spendentaste für die Tafel gespendet.
Zunächst erscheint das als konsequent ethisches Handeln. In Wirklichkeit ist es eine Folge von vielen Abwägungen, bei denen ich mich jeweils für die mir bequemere Variante entschieden habe.
Wann hätte ich das nicht getan?
- Wenn ich es eiliger gehabt hätte
- Wenn einer der Wege länger gewesen wäre
- Wenn es keine Spendentaste gegeben hätte
- Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs gewesen wäre
- Wenn es mir gepasst hätte, gleich nach dem Abgeben der Dose etwas einzukaufen

Es hat mir gezeigt: Wenn ich einmal etwas richtig mache, erinnert es mich an die vielen Male, wo ich es - oft aus belanglosem Grund - nicht tue.

Aber selbst wenn ich in tausend Fällen immer das Ethischere täte, es würde nichts daran ändern, dass die Tatsache, dass ich überhaupt den in unserer Weltgegend gängigen Lebensstandard nutze, eine ungeheure Ungerechtigkeit gegenüber Menschen in anderen Weltregionen ist.
Simone Weil, eine Philosophin, die nach ihren Grundsätzen gelebt hat, hat damit ihren frühen Tod (sie starb mit 34 Jahren) mit verursacht und dadurch ihre Eltern unglücklich gemacht. Ihre Mutter soll dem Sinne nach gesagt haben: "Eine Heilige als Tochter zu haben, ist ein schweres Los."
Insofern gilt Adornos Wort: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."

Ich habe zweimal eine Entscheidung gegen ein konsequent richtiges Leben getroffen.
Zum ersten Mal, als ich als ich 1972 Schülern sagte, angesichts der Übervölkerung der Erde solle man keine Kinder mehr bekommen, und dann fand, mein guter Wille reiche sicher nicht aus, ein halbwegs erträglicher Lehrer zu bleiben, und mich deshalb entschloss, dafür Unterstützung zu suchen. (Ich heiratete und wir bekamen Kinder, und eine Schülerin wies mich zu Recht auf meine Inkonsequenz hin.)
Die zweite Chance für Konsequenz bot sich vor wenigen Jahren. Ich hatte viel Glück gehabt im Leben und nach mehreren erfolglosen Operationen mit meiner Frau ausgemacht, ich sollte nicht gleich wieder eine neue machen lassen. Noch am selben Abend sagte mir ein Arzt, ich müsse innerhalb von Stunden operiert werden, wenn ich überleben sollte. - Ich wollte das nicht allein entscheiden, und meine Frau meinte, ich solle mich operieren lassen.
Das habe ich dann auch getan und die Gesellschaft mit Operation, Reha und Medikamenten einiges Geld gekostet, was man in Ländern, wo extreme Armut herrscht, weit effektiver hätte einsetzen können.
Es gibt Leute, die mir einzureden versuchen, das sei eine richtige Entscheidung gewesen. Und das, obwohl ich kein guter Mensch geworden bin und mich immer wieder einmal mit meiner Frau streite. Objektiv wäre eine andere Entscheidung sicher vernünftiger gewesen.

Nun habe ich beschlossen, mir wenigstens keine Implantate einsetzen zu lassen, die nach meinem Tod nur Schrott sind, während von meinen Organen vielleicht noch eins ein paar Jahre funktionstüchtig bleiben kann. Aber zwei Herzanfälle und ich lasse mir vermutlich einen Schrittmacher einsetzen, nur um kurz darauf eine aggressive Demenz zu entwickeln.  "Es gibt wohl kein richtiges Leben im falschen."

Aber Anne Frank, die sicher ihrer Mutter gegenüber ungerecht war und die sich auch sonst gewiss weniger altruistisch verhalten hat als ihre Schwester, hat doch den Beweis geliefert, dass selbst das Leben eines Opfers eines der fürchterlichsten Unrechtsregime der Menschheitsgeschichte ein gelingendes Leben sein kann. Einsam und verzweifelt ist die gestorben und doch hat Ihre Lebensleistung Gutes bewirkt weit über die vieler begabter und engagierter Menschen in günstigen Verhältnissen hinaus.




12.2.07

Philosophie ohne Wahrheit

Japanische Philosophie versucht nicht, durch radikale Kritik an jeder Tradition ein allein auf kritische Vernunft aufgebautes System zu schaffen, wie es in Europa im Gefolge von Descartes viele Denker versucht haben. Vielmehr baut sie bei aller Weiterentwicklung auf die alten Traditionen auf. Dies ist übrigens ein Charakteristikum, das asiatischen Philosophien gemeinsam ist.

Darüber hinaus gehende Gemeinsamkeiten teilt japanisches Denken noch mit China. Denn es hat von dort nicht nur die Bilderschrift (die kanji) und damit die Begrifflichkeit, sondern auch Buddhismus und Konfuzianismus sowie dessen Weiterentwicklung zum Neokonfuzianismus übernommen.

All diesen Denktraditionen ist gemeinsam, dass sie nicht nach einer Ursache hinter der Welt (nach Transzendenz) fragen, sondern die Realität als solche hinnehmen und aus dem gemeinsamen Vorverständnis zu erklären suchen. Deshalb geht es hier nicht um logische Beweise, die Allgemeingültigkeit, jederzeit und überall, beanspruchen, sondern um das Aufdecken von Ähnlichkeiten, Beziehungen, Analogien, die die Welt verständlicher machen sollen. Dafür wird häufig mit Parallelen, Metaphern und Bildern gearbeitet.

Dieses Denken, so fremd es uns zunächst erscheinen mag, fällt nicht völlig aus abendländischer Denktradition heraus. Denn Aristoteles kannte neben der axiomatischen Philosophie, die allgemeine Wahrheiten herauszufinden sucht, auch die topische, die das Glaubhafte und Plausible herauszuarbeiten versucht. Letztere baut auf dem gemeinsamen Vorverständnis (sensus communis) auf und war die Basis der antiken Rhetorik. Noch im 18. Jahrhundert hat der italienische Geschichtsphilosoph Vico diese Tradition zu beleben versucht.

Diese Art des Denkens erlaubt es ganz anders als die aufklärerische Vernunftkritik, verschiedene Denktraditionen miteinander zu verbinden. So wurden die kami (Götter) des Schintoismus nicht nur mit den verschiedenen Buddhas, sondern auch mit den Grundprinzipien des Konfuzianismus identifiziert. (Uns ist es eine befremdliche Vorstellung, Tugenden als Berge in der Landschaft stehen zu sehen. Und doch ist uns die Sonne als lebensspendendes Prinzip geläufig.) Dabei hatte schon der Konfuzianismus seine streng hierarchische Verhaltenslehre mit Grundvorstellungen des Taoismus anzureichern gewusst, obwohl dieser Anarchie und Nicht-Handeln als höchste Ziele anstrebte.

Seit die modernen Naturwissenschaften die Vorstellung von der Allgemeingültigkeit von Ursache und Wirkung aufgegeben haben und Postmoderne Philosophie weder allgemeinverbindliche Werte noch allgemeingültige Regeln mehr kennt, ist die aufklärerische Denktradition freilich auch in der westlichen Hemisphäre in die Defensive geraten.

Wie wenig Allgemeingültigkeit philosophische Wertungen in der westlichen Zivilisation noch haben, zeigt sich in der aktuellen ethischen Diskussion. Immer weniger ist es möglich, von gemeinsamen Prinzipien aus stimmige Regeln zu finden. Immer mehr zeigt sich, dass ein unterschiedliches Vorverständnis gemeinsame Wahrheiten ausschließt und nur die Hoffnung auf Überzeugungsarbeit bleibt, damit das, was uns unverzichtbar erscheint, nicht in einem allgemeinen Werterelativismus untergeht.