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12.6.13

Ein Geschenk

Meine Tante hatte eine besondere Gabe zu schenken.
Es gehört schon viel dazu, etwas zu schenken, was dem Beschenkten Freude macht, weil dazu - sobald er sich auch selbst Wünsche einer gewissen Größenordnung erfüllen kann - ein nicht geringes Maß an Einfühlung erforderlich ist.
Noch mehr Einfühlung gehört dazu, jemandem etwas zu schenken, was für ihn seinen Wert dadurch erhält, weil es eine Billigung des unausgesprochenen Wunsches bedeutet. (Wobei ich Schnapsflaschen für Alkoholiker mal ausnehme.) Eine solche Gabe besaß meine Tante. Vermutlich nicht zuletzt, weil sie die Regeln, was in meiner Familie akzeptiert war und was weniger akzeptiert war, kannte und nicht durchweg billigte.
Wohl in Erinnerung daran habe ich mir das Buch "Alles über die Wikipedia" nicht gekauft, sondern gewünscht.
Als ich es bekam, habe ich zunächst nur immer wieder einmal kurz hineingeschaut, dann von vorn angefangen und beim Artikel "Unverhofftes Wiedersehen" (S.125) das Bedürfnis entwickelt, niederzuschreiben, dass für mich nicht nur dies Buch, sondern auch die Wikipedia ein Geschenk ist.
Hier der Link zu den ungedruckten online-Beiträgen zum Buch, daraus insbesondere der thematisch passende Beitrag Geburtstaggeschenk.
(wird fortgesetzt)

23.5.13

Castroper Geschichten

Der 83-jährige Hans Frackowiak ist laut ZEIT der älteste Blogger Deutschlands. Ich habe seinen Blog "Castroper Geschichten" als ersten in meine Blogliste aufgenommen.
Aus seiner "Zeitleiste" verlinke ich hier mal "Nachtschicht im Petticoat".

20.5.13

Japan - Frage und Antwort


Ich bin Student (Wirtschaft) und möchte mich sehr gerne für ein Austauschsemester in Japan bewerben. Für Japan interessiere ich mich hauptsächlich wegen der Manga-Kultur, der japnischen Popkultur und der Kunst. Ich möchte einach total gerne dorthin.
Jetzt sind diese Dinge wohl nicht am besten geeignet für eine Bewerbung bei der Uni, wenn ich begründen muss, warum ich gerade nach Japan möchte (ich könnte dies evtl kurz erwähnen, aber nicht mehr). EInige Kommilitonen, die schon ein Austauschsemester gemacht haben, haben gesagt, dass man besser sein akademisches Interesse am Land, oder Dinge in Bezug aufs Studienfach schreibt. Für mich wäre dies wohl am ehesten Themen aus Wirtschaft/Politik/evtl Geschichte.
Ich dachte, dass ich erwähnen könnte, dass ich den gegenwertigen Umgang mit der schwierigen WIrtschaftssituation spannend finde. Aber ich finde, dass dieses Argument, nicht sehr überzeugend klingt.
Zudem spreche ich leider noch kein Japanisch. Daher muss ich noch einen noch überzeugenden Grund finden. Ich würde die Sprache dann gern während dem Semester lernen.
Nun, habt ihr vielleicht einen guten akademischen Grund/Grund aus Wirtschaft/Politik/Geschichte? Was interessiert euch an Japan? Ich wäre euch für Anregungen echt dankbar. (bei Gute Frage)

Wenn man das liest, ist man hin- und hergerissen.
Ein halbes Jahr in Japan zu leben und sich auf die japanische Sprache einzulassen, ist eine echte Herausforderung. Wenn man auch nach dem Gespräch mit Studenten, die ein Austauschsemester gemacht haben, keine nach außen überzeugenden Argumente dafür formulieren kann, hat man ein echtes Problem. Und zwar entweder, dass man glaubt, unsere Gesellschaft sei durch und durch so verlogen, dass sie die simpelsten Wahrheiten nicht versteht, oder dass man sich auf eine Herausforderung einlässt, ohne die Grundvoraussetzungen mitzubringen. Das kann schief gehen.

Aber vielleicht willst du auch nur durch ein weiteres Abfragen von Gründen deine Bewerbung noch sicherer machen.

Deshalb mein Rat:

Beginne damit, dass du eine Herausforderung suchst und dass du über die eurozentristische Sicht hinauskommen willst. Dafür ist Japan immer noch besonders geeignet, weil es eine interessante Kombination von Fremdheit und Gemeinsamkeit mit Deutschland vereinigt.

Fremdheit: Sprache, Verbindung von verschiedenen Religionen (Shintoismus und Buddhismus) zu einer selbstverständlichen Verbindung, die es erlaubt, auch das Christentum einzubeziehen. Die ganz eigenständige Kunst, die selbst beim stark europäisch beeinflussten Hokusai noch sehr viel Charakteristisches enthält.

Gemeinsamkeit: Preußische Tugenden: Pflichterfüllung, Ordnung, Sauberkeit. Kampf um die Weltherrschaft auf der Basis eines recht totalitären Systems. Danach die bewusste Abkehr von diesem Irrweg.

Dann die - mich faszinierende - Mischung: Totale Abschließung von der Außenwelt und dann - nach Öffnung der Häfen - die ganz energische Zuwendung unter Beibehaltung der wesentlichen Eigenarten. Gebildete Japaner kennen großenteils die deutsche Geschichte besser als der deutsche Durchschnittsstudent. Das hängt damit zusammen, dass nach der Öffnung viel von Preußen übernommen worden ist. Andererseits: die Firmenbindung; die mangelnde Emanzipation einer großen Menge der Frauen; die Gewohnheit, immer ja zu sagen (die freilich längst nicht mehr so stark ist, wie es das Gerücht behauptet); die Höflichkeit; die hervorragende Organisationsfähigkeit.

Und nun, lass bitte Manga-Kultur, japanische Popkultur und Kunst nicht weg. Denn darüber kannst du am überzeugendsten sprechen und sie enthalten viel von der Eigenart trotz energischer und weithin auch erfolgreicher Bemühung um "Verwestlichung". (Nicht, dass ich etwas von Mangas und Pop verstünde, aber die Tatsache, dass Mangas bei uns so beliebt geworden sind, beruht doch eben auf dieser Mischung von Vorreitertum bei der Anpassung an eine Welteinheitskultur und charakteristischer Eigenart.)

So, und jetzt finge die Begründung an: Die merkwürdige Blüte der japanischen Prosa im Mittelalter mit weiblichen Protagonisten an der Spitze, die Spannung zwischen Kaisertum und Shogunat, die nur sehr entfernte Ähnlichkeiten mit dem europäischen Antagonismus von Kaisertum und Papsttum hat, ...

11.3.13

Erinnerung oder Selbstverewigung im Netz?


Klaus Maria Brandauer: "Was die Selbstverewigung im Netz betrifft: Das bringt uns völlig von uns weg. Es macht uns ja unfähig, uns zu erinnern. Und ein Mensch, der sich nicht mehr erinnern kann, existiert gar nicht. Er ist nicht mehr."
Peter Stein: "Erinnerung ist Konfrontation mit sich selbst. Wenn man Erinnerung ins Netz stellt, dann ist es keine Beschäftigung mehr mit sich selbst - man macht die eigene Erinnerung zum öffentlichen Raum. Das aller Schlimmste daran: Man kriegt immerzu "Feedback" – die Erinnerung wird sofort zerquatscht."
in: Hilft es, überschätzt zu werden? - ZEIT, 7.3.2013

16.2.13

Selbstverantwortliches Lernen

Mich stört der Optimismus, dass mit mehr gutem Willen der Lehrer schon bald alle Erwachsenen in die Kultur des Selbstlernens entlassen werden könnte, so als ob Habermas einen Adorno schon mit 18 Jahren nicht mehr als Vorbild und Lehrer hätte gebrauchen können, wenn er nur alle Texte der kritischen Theorie zur Hand gehabt hätte. Davon hebt sich Herrn Larbigs Text über die Zukunft von Buch und Lesen positiv ab.

13.1.13

Ratschläge von Randers für 2052 und davor

Gott soll ein dickes Buch geschrieben haben. Es ist weitgehend unbekannt geblieben.
Statt dessen kennt alle Welt die 10 Gebote.

Deshalb mache ich Werbung für "2052" mit Randers' 20 Ratschlägen für Zeitgenossen und Zukünftige.
Sie finden sich im Buch auf den Seiten 379 - 404 und verstreut auf meinen Blogs.

2. Vermeiden Sie eine Vorliebe für Dinge, die bald verschwunden sein werden.
Damit meint er: Es ist besser, sich die Liebe zu unberührter Natur abzugewöhnen, bevor es sie nicht mehr gibt. Dasselbe gilt für potentielle PferdefreundInnen. In der Hochhauswohnung in der Großstadt, wo bald die Mehrheit der Menschen wohnen wird, die nicht in Slums und auf Müllhalden wohnen, lassen sich Pferde schlecht halten. Verschiedene Sorten von Computern passen da rein.

Deshalb folgt sein Ratschlag Nummer 3:

3. Investieren Sie in hochwertige Unterhaltungselektronik als Ersatz für Realität.
Die Begründung kann man sich denken.

Bevor Sie jetzt auf Seite 405 nachschlagen wollen, empfehle ich die Lektüre des Buches von Jorgen Randers. Der vollständige Titel lautet: 2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre.
Ich habe es noch nicht durchgelesen und werde da oder dort darüber berichten.

26.12.12

Weihnachten: Vision, Überlieferung, Realität


Weihnachten enthält für viele Menschen die Vision vom Frieden auf Erden, der kommen kann, auch wenn die Menschen noch nicht reif für ihn sind:

Am Anfang wächst neues Leben dort, wo Leben zerstört worden ist. Dies neue Leben entsteht aus Vertrauen in die Zukunft und bringt eine Frucht hervor, die neues Vertrauen in die weitere Zukunft schafft.
(Dies neue Leben ist gleichsam eine "vertrauensbildene Maßnahme".) Aus diesem Vertrauen erwächst Geborgenheit, die Voraussetzung dafür, dass werdende menschliche Lebewesen ein Urvertrauen entwickeln können.
Dies Vertrauen wird freilich nur gerechtfertigt, wenn jeder Mensch so viel Verantwortung für das neue Leben, die vertrauensbildende Hoffnung, übernimmt, dass es weiter wachsen kann trotz aller entgegenstehender Kräfte.

Dieser Text ist in Anlehnung an eine christliche Weihnachtspredigt so formuliert worden, dass er möglichst gut zu einer jüdischen Vision, einer christlichen Überlieferung und einer muslimischen Realität passt:

Jüdische Vision: Jesaja, Kapitel 11, Vers 1-10
Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: / der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, / der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.
[Er erfüllt ihn mit dem Geist der Gottesfurcht.] / Er richtet nicht nach dem Augenschein / und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er,
sondern er richtet die Hilflosen gerecht / und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen / mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen / mit dem Hauch seines Mundes.
Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, / Treue der Gürtel um seinen Leib.
Dann wohnt der Wolf beim Lamm, / der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Knabe kann sie hüten.
Kuh und Bärin freunden sich an, / ihre Jungen liegen beieinander. / Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, / das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
Man tut nichts Böses mehr / und begeht kein Verbrechen / auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, / so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.
An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, / der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; / sein Wohnsitz ist prächtig.

Christliche Überlieferung: Lukas, Kapitel 2, Vers 1-20

Muslimische Realität:
Einem Koranschüler, der nicht lesen lernen konnte, sagte sein Lehrer voraus: Du wirst in anderer Weise ein Segen für die Menschen werden. Darauf baute er am Rand der Wüste Bäume und Hirse an und leitete so letztlich Hundertausende von Menschen an, die Wüste aufzuhalten und so Getreide zur Ernährung von über zwei Millionen Menschen zu schaffen.

Eine etwas ausführlichere Version dieser Geschichte mit einigen Belegen. 

Eine ausführliche Version (auf die stützen sich die Kurzversion wie auch die etwas ausführlichere.)

Jetzt muss freilich hinzugefügt werden: 
In der Realität wurde dem Bauern, der Bäume und Hirse säte, beides zerstört. Als er trotzdem alles neu aufbaute, wurde er enteignet. Noch kämpft er darum, für seine Nachkommen mehr von dem für sie behalten zu dürfen, als was man ihm und ihnen zugestehen will.
Auch wenn zusätzlich Nahrung für über zwei Millionen Menschen entsteht, reicht das nicht gegen den Hunger in Afrika, geschweige den in der Welt. Außerdem wird der Klimawandel voraussichtlich all das neu Aufgebaute zerstören.

In der Kirche, in der ich die Predigt gehört habe, stand vor dem Weihnachtsbaum, der inzwischen zu der Tradition dazu gehört, die vom Kommen des Gotteskindes in die Welt handelt, ein gekreuzigter Christus.

Man kann das so verstehen, dass der, der die Verantwortung für die Weitergabe des Vertrauens übernimmt, oft selbst in seinem Vertrauen enttäuscht wird.

Es gibt immer wieder Geborgenheit, Vertrauen und Verantwortung, und immer wieder werden sie zerstört, enttäuscht und bestraft.
Wer sich dennoch eine Hoffnung bewahrt, glaubt an die Möglichkeit von etwas ähnlich Unmöglichem wie die Auferstehung der Toten.

Viele Klimaschutzexperten sehen jetzt schon keinerlei Möglichkeit mehr, die  weltweite Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Trotzdem treten sie weiter für Klimaschutz ein. Und der siebzigjährige Bauer in der Sahelzone hält seine Söhne an, sein Werk fortzusetzen und setzt seine schwindenden Kräfte voll dafür ein, dass auch andere seine Methoden lernen und ebenfalls einsetzen können.

Wenn er eine Ruhepause braucht, sitzt er geborgen im Schatten seiner selbst gepflanzten Bäume.