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21.9.10

Lernen wieder erlernen

Eine 83-jährige schreibt zum Thema "Kann man in Ihrem Alter noch lernen?" von ihrem Englischkurs, vom Malkurs, von neuen Gymnastikübungen, von neuen Liedern, die sie lernt. Eine Bekannte lernt Arabisch.
Wie steht's damit bei mir?
Was ich unter "man lernt dazu" verbuche, ist sehr häufig nichts als Informationsaufnahme, Einordnung in vorhandene Raster, bei schwer einzuordnenden Informationen eine Ergänzung oder ein bescheidener Umbau des Rasters. Mag sein, auch Arbeitstechniken für bestimmte neue Aufgaben.
Lernen lernen, was wir unseren Schülern beizubringen versuchten, haben wir in diesem Sinne gelernt: Strukturen bilden, Wesentliches heraussuchen, für einen anderen Zweck umstrukturieren, dokumentieren, ...
Aber neu lernen? Wie ärgerlich, dass im Supermarkt die Produkte immer wieder umgestellt werden, wo man doch für manche ausgefallenen Produkte Jahre gebraucht hatte, bis man herausgefunden hatte, wo sie - ja, eben nicht stehen, sondern standen.
Man hat gelernt, sich in Texten unbekannterer Sprachen grob zu orientieren, aber nicht einzelne neue Vokabeln und Redewendungen, sondern eine neue Sprache lernen?
Verzichten lernen auf etwas, worauf man sich seit Jahrzehnten verlassen hat?

Ich war zu produktorientiert. Es steht noch viel zu lernen an bis zum 83. Lebensjahr.

Wenn man etwa den Vergleich von Daten mit Sprachen, wie Jakob Voss ihn vorstellt, nachvollzogen und sich eine eigene Meinung dazu gebildet hat, hat man zweifellos etwas gelernt. Aber bringt das was fürs Lernen lernen?
Strukturergänzung. Kommt es darauf an, wenn man 83 ist?

22.5.10

Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften

Wer sich klar werden will, mit wie handfesten Dingen es die Naturwissenschaften im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften mit ihrem Nibelungenlied und dem Faust zu tun haben, der sollte sich ein wenig mit Elementateilchenphysik und Antimaterie befassen.
Morten Schwarzkopf würde sagen: "Ein echtes Naturprodukt. Da weiß man doch, was man verschluckt."

8.2.10

Selbstbestimmung und Mitbestimmung in der Geschichte

In Bekämpfung der Auswüchse des Feudalismus entwickelte sich der Absolutismus als Instrument zur rationalen Gestaltung des Staatswesens. (Adel und Bürgertum ähnlich stark; aufgeklärter Absolutismus)
Der rationale Staat entwickelte so viel Kontrollmacht, dass dagegen Freiheitsrechte nötig waren: Menschenrechte (beginnend mit Bill of Rights bis zu den MR-Erklärungen von Virginia und Frankreich).
Das freigesetzte Bürgertum erhielt eine so starke Kontrollmacht gegenüber der Arbeiterschaft, dass der Sozialismus als Gegenkraft die sozialen Voraussetzungen für demokratische und - über die Gewerkschaften - soziale und begrenzte (!) wirtschaftliche Mitbestimmung erkämpfen musste. Die Überregulierung durch einen totalitären Staat im real existierenden Sozialismus behinderte kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung, so dass er zusammenbrach.
Aufgrund der fehlenden Systemkonkurrenz entwickelte sich in der offenen Gesellschaft ein Marktradikalismus, der wiederum die Arbeiterschaft, vor allem aber den Staat so stark finanziell beschnitt, dass weder der Sozialstaat gesichert noch die Allgemeingüter bewahrt werden konnten (Privatisierung des öffentlichen Raumes).
Es könnte sein, dass der Kampf um die "Freiheit des Internets" (u.a. Piratenpartei) sich zum allgemeinen Kampf um die Bewahrung der Allgemeingüter entwickelt.

28.12.09

Menschheitsprobleme

m.E. gibt es gegenwärtig drei Hauptprobleme

1. Überleben der Menschheit (Bewahrung einer menschenverträglichen Umwelt) aktiv: Grüne, BUND, Greenpeace etc.
2. Sozialer Friede (Gerechtigkeit) (innerhalb der Gesellschaft u. international) aktiv: attac, SPD, Linke etc.
3. Demokratie (Sicherung von Bürgerbeteiligung (Partizipation), dafür Informations- u. Meinungsfreiheit u.a.) aktiv: Piratenpartei, Amnesty, Liberale wie Baum und Hirsch etc.
Voraussetzung für Bürgerbeteiligung ist staatsbürgerliche Bildung. aktiv: ?

Aus meiner Sicht sind alle drei zentral und miteinander verknüpft.
Im Netz begegne ich vielen, denen das erste und zweite Ziel relativ unwichtig zu sein scheint, weil sie an die Lösung der Probleme durch Technik und nicht durch Umdenken und Kompromisse glauben, und die auch bei Demokratie und Bildung blauäugig-optimistisch auf Web 2.0 setzen.

Im Verlauf der Entwicklung der Menschheit haben sich die Probleme folgendermaßen entfaltet:
Der Mensch behauptet sich gegen die übermächtige Natur (Entwicklung von Technik, Arbeitsteilung, Gemeinschaft).
Die Menschen organisieren ihr Zusammenleben (Gesellschaft, Staat, Entwicklung eines Gewaltmonopols zur Sicherung des Lebens der einzelnen vor gewalttätigen Auseinandersetzungen wie Blutrache und Fehde).
Die Menschen optimieren ihr Zusammenleben in Richtung Schutz und Mitwirkung des Einzelnen (Rechtsstaat als Schutz, Demokratie als Sicherung der Mitwirkung).

Militärisches und wirtschaftliches Ungleichgewicht zwischen Gesellschaften und Staaten führen immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen und Ausbeutung (Kolonialzeitalter und Imperialismus).

Zur Friedenssicherung (negativer Friedensbegriff) dienen regional die Reichsbildung, international Verträge, Gleichgewichtssysteme wie Heilige Allianz/System Metternich oder das "Konzert" der Großmächte. Da diese immer nur kurz- und mittelfristig Auseinandersetzungen verhindern können, werden aufgrund der Weltkriegserfahrung weltumspannende Organisationen entwickelt wie Völkerbund und danach die Vereinten Nationen. Diese können Kriege aber nicht verhindern. Vor einem Krieg zwischen den Supermächten schützt nur das System gegenseitiger Abschreckung. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks wird versucht, es durch internationale Kooperation zu ergänzen.

Angesichts der Entwicklung der Technik müssen geschützt werden:
a) die Einzelnen vor der Zunahme der Kontrollmöglichkeiten des Staates und wirtschaftlich mächtiger Wirtschaftssubjekte,
b) die Umwelt vor der Zerstörung der "freien" Güter Wasser und Luft und vor der übermäßigen Ausbeute von Rohstoffen und fossiler Energie.

Angesichts der Entwicklung internationaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit müssen geschützt werden
a) die wirtschaftliche Kooperation vor Protektionismus,
b) die Staaten vor der Aushöhlung durch internationale Wirtschaftssubjekte.

Die Ziele Friede, Umweltschutz und Kontrolle wirtschaftlicher Macht erfordern mehr internationale Zusammenarbeit, als bisher entwickelt worden ist.

Überlegungen ähnlicher Allgemeinheit findet man in G.E. Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts" und Kants Schriften Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht und Zum ewigen Frieden.

29.10.09

Mit Blick auf den Tod

Es zählt: mit sich selbst ins Reine kommen. Das mag für den Künstler "das Werk" sein, für den Geschäftsmann "die Firma", für den Politiker "mein Platz in der Geschichte".

Für die meisten Sterblichen werden es die Beziehungen zu den Nächsten sein. Dass die nicht gestört bleiben. Das, was die Beziehungen störte, wird im Angesicht des Todes meist unwichtiger als die Beziehung.

16.10.09

Sprache, Denken, Zahlen, digitales Gedächtnis

Ein Volk in Südamerika kennt nur die Zahlen eins und zwei und auch die nur ungenau, wenn man einem Bericht in Science, deutsch in der Süddeutschen Zeitung (2004) folgt.


British Library warnt
vor digitalem Gedächtnisschwund, der dadurch entsteht, dass Seiten aus dem Internet verschwinden, bevor sie irgendwo archiviert sind. So die offzielle Homepage des Präsidenten George W. Bush.

21.9.09

Orgelstück von über 600 Jahren

Die John-Cage-Orgelstiftung in Halberstadt führt gegenwärtig ein Stück von John Cage auf, das dieser "so langsam wie möglich" aufgeführt sehen wollte. Die gegenwärtige Planung sieht über 600 Jahre für das Gesamtstück, 58 Jahre für den längsten Ton und nur 2 Jahre für den 2009 begonnenen Ton vor. Wenn man ihn noch hören will, muss man sich also - vergleichsweise - beeilen.
Ich persönlich vermute ja, dass die Stiftung sich überschätzt hat. "So langsam wie möglich" sollte zunächst auf eine Lebenszeit geplant werden, damit aufgrund der Erfahrungen mit dieser Aufführung die Dauer der nächsten geplant werden kann.
Immerhin erfreulich: Offenbar ist nicht angestrebt, ins Guinnes Buch der Rekorde aufgenommen zu werden.

Nachtrag vom 1.12.12:
Gegenwärtig läuft offenbar der nächste Ton. Wie viel Zeit bleibt noch, ihn zu hören? Wer kennt die Partitur?

Wer nicht auf den obigen Link zurückgreifen will, erhält zunächst folgende Information:
Das Orgelstück „Organ2 / ASLSP“ von John Cage wird seit 2001 „as slow as possible“ aufgeführt, es begann mit einer 17-monatigen Pause.
Man kann das Projekt mit Spenden unterstüzen. Über den Link kann man noch den Ton von 2009 hören.
2008 gab es einen Akkord zu hören. In der Aufnahme vom 30.7.09 klingt der Ton mir deutlich nervender als der oben verlinkte.

Ganz gegen meine Gewohnheit habe ich 2009 weder den Wikipediaartikel (seit 2004 vorhanden) noch die Homepage des Unternehmens verlinkt. Mit Hilfe der Links wird man rasch klüger als ich am Anfang des Beitrages.