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3.10.24

Zeitungslektüre

 Die Wochenzeitung der Freitag imponiert durch Gesichtspunkte, die in den Mainstreammedien selten auftauchen. Insbesondere ist es die Betrachtung von Vorgängen aus Ostdeutschland oder aus ostdeutscher Sicht. In der Ausgabe vom 26.9. überwiegen unerfreuliche Meldungen. 

Shila Behjat von Arte schreibt auf Seite 12 unter dem Titel "Gegen Patriarchen" über weiblichen Widerstand und zitiert Erica Chenoweth: "Wenn Frauen an Massenbewegungen beteiligt sind, dann  neigen diese Bewegungen dazu, friedlich zu bleiben. Und sie führen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu einer gleichberechtigteren Demokratie." So waren Bewegungen erfolgreich, wenn sich mindestens 3,5 % der Bevölkerung beteiligten (Gewaltfreier Widerstand).

Das klingt ermutigend. 

Weiter unten stellt Behjat fest: "In nahezu jedem Land der Welt existieren Gesetze, die in das Leben von Frauen eingreifen, aber keine, die explizit Männerleben regulieren, außer bei der Wehrpflicht."

Dann fährt sie fort: "Das Schlimme ist: Frauen können sich bei diesem Thema nicht der Solidarität anderer Frauen sicher sein."

Ich frage mich: Was ist sicherer, als dass eine Bewegung, die erst noch auf dem Weg ist, 3,5% der Bevölkerung zu aktivieren, nicht "der Solidarität anderer" sicher sein kann? - Das ist in sich nicht schlimm, aber es zeigt, wie schwierig es ist, diese 3,5% zu erreichen. 

Aber so bleibt es dabei, dass Frauen als der größere Teil der Menschheit  nur sehr beschränkt die Solidarität ihrer Geschlechtsgenossinnen genießen. 

Ich lese gegenwärtig "Vom Winde verweht" und bin immer wieder beeindruckt, wie viele Probleme, die wir heute erleben, darin behandelt werden: Spaltung der Gesellschaft, Entfremdung von den Regierenden, Unfähigkeit, die Erfahrungen und damit Weltsicht anderer nachzuvollziehen. Damals war es ein Bürgerkrieg, der um die Einheit einer Staatenvereinigung (USA) geführt wurde. 

Heute sind wir zwar weit darüber hinaus; aber die heutigen Mechanismen haben noch eine große Ähnlichkeit. 

Es war einmal: Jorinde und Joringel

Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahe kam, so mußte er stillestehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach; wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann in einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle andere Mädchen. Die und dann ein gar schöner Jüngling namens Joringel hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren. »Hüte dich«, sagte Joringel, »daß du nicht so nahe ans Schloß kommst.« Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.

Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte: Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um, waren irre und wußten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg, und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und wurde todbang. Jorinde sang:

»Mein Vöglein mit dem Ringlein rot
singt Leide, Leide, Leide:
es singt dem Täubelein seinen Tod,
singt Leide, Lei - zicküth, zicküth, zicküth. «

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang zicküth, zicküth. Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal schu, hu, hu, hu. Joringel konnte sich nicht regen.- er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: »Grüß dich, Zachiel, wenn's Möndel ins Körbel scheint, bind lose Zachiel, zu guter Stund.« Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat, sie möchte ihm seine Jorinde wiedergeben, aber sie sagte, er sollte sie nie wiederhaben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. »Uu, was soll mir geschehen?« Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütete er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wiederbekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Tautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß. Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloß kam, da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen Vögel vernähme; endlich hörte er's. Er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wiederfinden? indem er so zusah, [merkte er,] daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib - nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön, wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.

18.9.24

Tagebucheintrag

 Gelbe Säcke herausgestellt.

Auf der Fahrt zum Niederwaldsee riesige rote Sonne kurz über dem Horizont.

Am Niederwaldsee kurz nach dem Sonnenuntergang helle erste Dämmerung, dunkles Wasser, keine Tiere, Kondensstreifen von zwischenzeitlich fünf Flugzeugen am Himmel. Unerwartet auf der Ostseite eine Bank frei. Anscheinend sogar auch sonst keine Bank besetzt. Autobahnrauschen.

Auf dem Rückweg: ein E-Rollerfahrer wartet auf dem Seitenstreifen, ein Trecker, mit seinem Gerät die voller Wegbreite einnehmend, fährt freundlich weit auf den Seitenstreifen, ein Jogger.

Da ich mein Hörgerät herausgenommen habe, Ruhe.

Zu Hause Zeit, das Hochbeet und die Töpfe reichlich zu wässern, gleichzeitig den Schlauch für die Begonie laufen lassen. Ruhe.

8.8.24

Wozu ein Literaturblog gut ist

 Ich liebe den Storm-Kellerschen Briefwechsel und entdecke jetzt in meinem Blog in dem Briefwechsel zwischen Keller und Paul Heyse (nicht zuletzt wegen des Du) einen sehr viel lockereren Ton, wo auch allerlei Literaturspezifisches angeschnitten wird. Hier ein kurzes Zitat:

"Keller an Paul Heyse

Zürich 9 VII 1880.

Lieber Freund! Tausendfältigen Dank für Brief und Weiber von Schondorf. Ich will nun trachten, meine "schonende Freude" (ein ingeniöser Ausdruck!) mit deinem dramatischen Hypochondrismus möglichst zärtlich zu vermählen, ohne der Aufrichtigkeit Eintrag zu thun. Da muß ich denn zuvorderst bekennen, daß Du mit der gewählten Auffassung und Behandlung Recht hast. Der erste flüchtige Eindruck war bei mir, es dürfte ein bischen bunter und breitspuriger sein; allein am gleichen Tag noch, eh' der Brief nachkam, fand ich, dadurch käme man sogleich in's sogenannte Shakespearisiren hinein, im bekannten Stil der bekannten Uebersetzung, und dann würden alle feineren Leute sagen: connu! So aber hast Du ganz das Richtige getroffen, indem Du das Motiv aus sich selbst heraus sich hast entwickeln lassen und nichts dazu gethan, als die höhere ethische Frage. Eine gute Ausstattung und Inscenirung, welche ja auf jeder Seite mitdichtend vorgesehen ist, muß das deutlich herausstellen. Beim Lesen hat mir, beiläufig gesagt, in ein par Interjectionen und proverbialen Wendungen die Manier etwas zu tief gegriffen erscheinen wollen. Da ich aber auf der Bühne | nicht zu Hause bin, so mag diese Bemerkung nichtig sein. [...]"

Wenn man Keller so über Heyse schreiben sieht, könnte einen fast schon die Lust ankommen, auch mal Heyse zu lesen, wenn man nicht doch den Verdacht hätte, dass er zu sehr stilisiert schreibt. Heysenovellen bei Gutenberg.org:

31.5.24

Facebook u.a.

 Heute ein Tagebucheintrag (auf Papier) zu wieder aufgenommener Gewohnheit, abends Musik zu hören. In der FR von Sophie Passmann eine Kolumne, dass von 2010 bis 2015 gefühlt jeder bei Facebook war. Dann Niedergang. Jetzt Erholung bis auf etwa Stand von 2016.

Ich besinne mich an meinen Artikel, in dem ich darüber schrieb, weshalb ich nicht bei Facebook bin, den ich gelegentlich mal verlinkt habe, finde ihn jetzt aber nicht mehr. [Es war der vom 19. Oktober 2011].  Ob er bei Schnipsel war? (Dort 21 Artikel zu F., der letzte 2023, der erste 2012)

 2017 zitiere ich dort einen Eintrag von mir vom 19. Oktober 2011, wo es heißt "Facebook lehne ich ab". Der war auf  Fontanefan, meinem Lehrerblog. Dort der erste von 9 Artikeln 2009 über meine "Freundschaft" mit dem Facebook-Account eines 7-jährigen polnischen Holocaustopfers. Schon da ist klar, dass ich Facebook nicht wirklich nutze, obwohl ich mich wegen meiner afrikanischen Bekannten dort angemeldet hatte (der Kontakt läuft weiterhin über E-Mail). 2011 dort eine scharfe Kritik an Google+ mit dem Satz: "Die Willkür unterscheidet sich kaum noch von Facebook." (2011 lief eine Blogparade über Social Media, an der ich teilgenommen habe.)

Unsere Familie tauscht sich bei Signal aus. WhatsApp lehnen wir wegen Facebook Zuckerberg ab (bei Fontanefan 2018 ein ausführlicher Artikel über seine Befragung), bei WhatsApp ist meine Frau zusätzlich zu Signal wegen einiger Bekannter, die nicht auf Signal sind. 

29.5.24

Gegenwärtige Lektüre

 Während vorher Flora Thompson als Hauptthema und der Heliand nebeneinander liefen, sind es jetzt Christa Wolf "Ein Tag im Jahr" und als Bettlektüre Fürst Pückler-Muskau und die Einrichtung von Parks ("seine Weiterentwicklung des „englischen Gartenstils“ in den Parks von Muskau und Branitz " (Wikipedia). Daneben fast täglich ein wenig duolingo. Seit einiger Zeit Esperanto. Hat Italienisch abgelöst. 

24.5.24

Was ich nicht über Briefmarken wusste

 



 Der Sammler Uwe Schütte berichtete am 23. Mai 2024 in der Freitag sehr viel, was mich emotional berührt, weil ich als Kind und zeitweise noch als Jugendlicher eifriger Sammler war. 

Es folgten Jahrzehnte, wo ich kaum je wieder eins meiner Alben in die Hand nahm. Oft nur, weil ich nicht wusste, ob es ein Buch oder ein Album war und wenn, was ich darin gesammelt hatte. 

Sachdienlich berichtet über Briefmarken die Wikipedia, natürlich auch vieles, was ich nie wusste, insbesondere natürlich wie über Links und bei den Commons.

Es gab Zeiten, wo umfangreiche Briefmarkensammlungen viel wert waren und wo man Marken vom Händler bezog, um die Sammlung zu vervollständigen, weil unvollständige Serien nichts Rechtes galten. Meine Schwester hat noch in Zeiten ihrer Arbeitslosigkeit sich von der Post alle neuen Serien schicken lassen und sie dann an uns verschickt, damit wir sie ihr wieder schickten. Denn wir sammelten nur gestempelte Marken, weil sie ursprünglich schon ihren Wert durch ihre Arbeit abgegolten haben sollten und erst durch die Sammlung an Wert gewinnen.

Dazu Uwe Schütte: "Das Geschäftsmodell Briefmarkenhandel hat sich erledigt, endgültig."

Irgendwie fand ich es immer gegen meine Ehre, für Briefmarken als Sammlerobjekt zu bezahlen. Händler und Briefmarkenkataloge waren daher so etwas wie "sachfremd". Heute berührt es mich nostalgisch, dass nach Jahrzehnten, wo mich Briefmarken allenfalls als noch Briefschmuck interessiert haben, das Sammlerwesen ganz vorbei sein soll.