5.12.18

Noch mehr wunderbare Weihnachtsmorde

Einen Tag nachdem ich mich endlich aufgerafft hatte, den Prospekt abzubestellen, der mir zugeschickt wurde, seit ich einem speziellen Wunsch folgend etwas von diesem Versandhändler bestellt hatte, traf gleich wieder einer ein.

Im Gefühl, mir nicht mehr von einem aufdringlichen Drängen Zeit stehlen zu lassen, sondern nach den dringenden Erledigungen des Tages etwas Nutzloses tun zu dürfen, sah ich hinein und entdeckte eine Reihe von Angeboten für einsame Seelen: Freundschaft mit Wölfen; was man tun kann, um den Pinguinen ihr Leben zu erleichtern; spezielles Spatzenfutter; Spezialgeräte für Handgriffe, die einem im Alter schwerer fallen. Informationen über die erotischen Phantasien von Knochenfischen.

Alles Informationen, die mich im Grunde mehr ansprechen als Berichte über die Versuche der SPD, sich zu erneuern, über Meinungsverschiedenheiten im Vorstand des FC Bayern München, der 25. Bericht darüber, dass Merz die sicherste Methode bietet, die AfD farblos aussehen zu lassen, und dass Merkel endlich den letzten Rest von sozialer Verantwortung aufgeben sollte, um mit Macron das Europa der Zukunft zu schaffen.

"Die Katze, die kam, um zu bleiben". Endlich etwas eine dauerhafte Veränderung zu mehr Nähe, statt der ständige Wechsel des immer Gleichen, der so ermüdet.

Und dann "Wunderbare Weihnachtmorde" und "Noch mehr wunderbare Weihnachtsmorde". Endlich etwas, was Abwechslung in die immer gleichen Rituale der Weihnachtszeit bringt. Wunderbar!
Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen.

18.11.18

Aus einer Mail

"[...] dass bei M.s Bestattung in Lübeck ein Gehörlosentreffen war mit lauter kleinen Gruppen, denen Stadtführer gestenreich erklärten, und von der etwas "einsilbigen" Unterhaltung mit einer einzelnen Dame am Tisch - es ging erstaunlich gut, ich konnte sie gut verstehen - bis wir dann merkten, dass wir beide nicht gehörlos waren. Da war die Unterhaltung dann durch kein Gespräch am Nachbartisch gestört.

Ich komme darauf, weil ich bei Willemsen: "Die Enden der Welt" gerade gelesen habe: 
"Ich sehe einem Gehörlosen-Pärchen auf dem Bürgersteig zu. Er bockt, hat seine Hand der ihren entzogen. Sie redet mit geräuschlos belfernden Lippen auf ihn ein. Er wischt alles weg. Ihre Gesten werden größer, sie machen sich Luft. Er stimmt ein gestisches Anschreien an, raum greifend, mit den klobigen Händen die Luft sichelnd. Ja, auch sonst scheint er ein Wunderlicher zu sein. Sie weicht 
zurück mit einer Mimik wie im Stummfilm, aber er hat nicht genug. Erst fährt seine Faust in den Himmel, darauf zieht er dreimal hintereinander eine jähe Linie zwischen sich und sie. Dann wendet er sich weg und lässt sie stehen. Aber schon wenige Meter später weiß er kaum, wie 
er sich noch orientieren soll. Synchron wenden sie sich wieder einander zu, getrennt, doch unfähig, es zu sein." [...]"

24.10.18

Inkonsequent leben

Ein kleiner Vorfall hat mich zum Denken gebracht.
Ich habe eine fortgeworfene Getränkedose aufgehoben, in den Gulli entleert, zur Flaschenannahme bei dem nahen Supermarkt gebracht und das Pfand über eine Spendentaste für die Tafel gespendet.
Zunächst erscheint das als konsequent ethisches Handeln. In Wirklichkeit ist es eine Folge von vielen Abwägungen, bei denen ich mich jeweils für die mir bequemere Variante entschieden habe.
Wann hätte ich das nicht getan?
- Wenn ich es eiliger gehabt hätte
- Wenn einer der Wege länger gewesen wäre
- Wenn es keine Spendentaste gegeben hätte
- Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs gewesen wäre
- Wenn es mir gepasst hätte, gleich nach dem Abgeben der Dose etwas einzukaufen

Es hat mir gezeigt: Wenn ich einmal etwas richtig mache, erinnert es mich an die vielen Male, wo ich es - oft aus belanglosem Grund - nicht tue.

Aber selbst wenn ich in tausend Fällen immer das Ethischere täte, es würde nichts daran ändern, dass die Tatsache, dass ich überhaupt den in unserer Weltgegend gängigen Lebensstandard nutze, eine ungeheure Ungerechtigkeit gegenüber Menschen in anderen Weltregionen ist.
Simone Weil, eine Philosophin, die nach ihren Grundsätzen gelebt hat, hat damit ihren frühen Tod (sie starb mit 34 Jahren) mit verursacht und dadurch ihre Eltern unglücklich gemacht. Ihre Mutter soll dem Sinne nach gesagt haben: "Eine Heilige als Tochter zu haben, ist ein schweres Los."
Insofern gilt Adornos Wort: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."

Ich habe zweimal eine Entscheidung gegen ein konsequent richtiges Leben getroffen.
Zum ersten Mal, als ich als ich 1972 Schülern sagte, angesichts der Übervölkerung der Erde solle man keine Kinder mehr bekommen, und dann fand, mein guter Wille reiche sicher nicht aus, ein halbwegs erträglicher Lehrer zu bleiben, und mich deshalb entschloss, dafür Unterstützung zu suchen. (Ich heiratete und wir bekamen Kinder, und eine Schülerin wies mich zu Recht auf meine Inkonsequenz hin.)
Die zweite Chance für Konsequenz bot sich vor wenigen Jahren. Ich hatte viel Glück gehabt im Leben und nach mehreren erfolglosen Operationen mit meiner Frau ausgemacht, ich sollte nicht gleich wieder eine neue machen lassen. Noch am selben Abend sagte mir ein Arzt, ich müsse innerhalb von Stunden operiert werden, wenn ich überleben sollte. - Ich wollte das nicht allein entscheiden, und meine Frau meinte, ich solle mich operieren lassen.
Das habe ich dann auch getan und die Gesellschaft mit Operation, Reha und Medikamenten einiges Geld gekostet, was man in Ländern, wo extreme Armut herrscht, weit effektiver hätte einsetzen können.
Es gibt Leute, die mir einzureden versuchen, das sei eine richtige Entscheidung gewesen. Und das, obwohl ich kein guter Mensch geworden bin und mich immer wieder einmal mit meiner Frau streite. Objektiv wäre eine andere Entscheidung sicher vernünftiger gewesen.

Nun habe ich beschlossen, mir wenigstens keine Implantate einsetzen zu lassen, die nach meinem Tod nur Schrott sind, während von meinen Organen vielleicht noch eins ein paar Jahre funktionstüchtig bleiben kann. Aber zwei Herzanfälle und ich lasse mir vermutlich einen Schrittmacher einsetzen, nur um kurz darauf eine aggressive Demenz zu entwickeln.  "Es gibt wohl kein richtiges Leben im falschen."

Aber Anne Frank, die sicher ihrer Mutter gegenüber ungerecht war und die sich auch sonst gewiss weniger altruistisch verhalten hat als ihre Schwester, hat doch den Beweis geliefert, dass selbst das Leben eines Opfers eines der fürchterlichsten Unrechtsregime der Menschheitsgeschichte ein gelingendes Leben sein kann. Einsam und verzweifelt ist die gestorben und doch hat Ihre Lebensleistung Gutes bewirkt weit über die vieler begabter und engagierter Menschen in günstigen Verhältnissen hinaus.




12.10.18

Wie die Zeit vergeht

Bei meinen Internetaktivitäten bin ich erst relativ spät auf die Seite gutefrage.net gestoßen. Eben las ich mit Verwunderung, dass jemand eine Antwort, die ich dort vor 8 Jahren gegeben habe, positiv bewertete.
Wie stößt man auf solch eine Antwort? Und wie lange war ich denn schon dabei?
Auf die 2. Frage ließ sich rasch die Antwort finden: Vor 8 Jahren und 8 Monaten.
Wie die Zeit vergeht.

Als ich mich entschloss, diese belanglose Notiz hier zu schreiben, dachte ich, ich hätte gewiss über ein Jahr hier nichts geschrieben, und dabei war es gerade einmal vier Monate her. Manchmal vergeht die Zeit auch langsamer, als man denkt.
Trivial.

10.6.18

Unterschiedliche Sozialisationen

Heute Morgen habe ich den Fernsehgottesdienst aus Alteglofsheim gesehen.
Die Ernsthaftigkeit und Hingabe, mit der hier ein mir recht überholt erscheinender Ritus gefeiert wurde, hat mich beeindruckt. Ich weiß, dass das vor 50, 60 Jahren normal war. Und manche Altersgenossen, die diese Erwartung nicht erfüllen konnten, hat es der Kirche entfremdet.
Auch ist die Autorität, die der Priester hier glaubhaft vertritt, mancherorts problematisch gewesen,
weil sie Missbrauch begünstigte. (Da von diesem Gottesdienst (noch?) kein Video greifbar ist, verlinke ich hier einen Gottesdienst, in dem Bezug auf ein mir ähnlich unvertrautes Passionspiel aus Sömmersdorf genommen wird.)
Dennoch gibt eine solche Gemeinschaft sicher Halt. Und dass in der Gemeinde Windelsäcke angeboten werden, macht deutlich, dass der Blick auf aktuelle Lebenswirklichkeit nicht verloren gegangen ist.

Außerdem habe ich zwei Beiträge eines Bloggerkollegen gesehen (Peacock Revolution, Ich bin so cool ...). Eindrucksvoll, wie ich bei ganz unterschiedlicher Sozialisation zwar nur Teile der kulturellen Inhalte, aber sehr weitgehend Werthaltungen und pädagogische Anschauungen mit ihm teile. - Seine vielseitigen Interessen machen seinen Blog lesenswert für viele.

Natürlich haben beide Sozialisationen in einem sehr ähnlichen Kulturraum wie dem meinem stattgefunden. Bemerkenswert, wie fremd mir manches erscheint.
Umso größer der Anspruch, zwischen weit voneinander entfernten Kulturen Offenheit und gegenseitiges Verständnis zu erreichen.

23.6.17

Wie ich trainiere, mehr fernzusehen

Im Urlaub auf den Geschmack gekommen, suche ich mir, wenn ich Zeit habe, zwei oder drei Sendungen pro Woche aus, die programmiere ich, und wenn ich dann mal eine freie Viertelstunde habe, schaue ich in eine Sendung hinein.
Geeignet sind solche Sendungen auch abends, wenn ich zu müde bin, noch aktiv zu lesen oder zu schreiben.
Landschaftsaufnahmen und überhaupt auch Sendungen über Touristenattraktionen sind eher zu konsumieren, wenn man über die Moderationen hinwegspulen kann. Manchmal reicht es aber auch schon, den Ton abzustellen. Das unterbreche ich allerdings sicherheitshalber des öfteren, weil manchmal doch etwas Sinnvolles gesagt wird. Dann kann ich zurückspulen.
So komme ich jetzt auf deutlich über eine Stunde Fernsehen pro Woche.

Ein Problem. Wenn sinnvoller Text auftaucht, halte ich das des öfteren doch in einem Blog fest.
Aber das passiert ja nicht so oft. Denn Krimis sind selbst mit dem Kommentar für Blinde nicht so sehr mein Ding.
Die Aufführung des Parsifal habe ich mit Ton gesehen und danach erstmalig interessiert das Libretto angesehen. Die Umwidmung von Gurnemanz halte ich für gelungen.

Für die, die sich wundern: Ich bin schwerhörig, und bei Verwendung meines Hörgeräts zischen die leiser gesprochenen Passagen, und Stellen, nach denen gelacht wird, verstehe ich grundsätzlich nicht.

7.5.17

Fernsehen im Urlaub


Dass immer das Böse im Menschen thematisiert wird und verwendet wird, um psychologische Studien, der Schilderung von originellen Charakteren und attraktiven Orten durch Sensationelles aufzuwerten, spannender zu machen, gefällt mir nicht.
Rätselhaftes, Geheimnisvolles, Aufregendes gibt es doch auch, ohne dass immer einer Person das Kainsmal des Mordes aufgedrückt werden muss.

Doch nun sah ich einen Tatortkrimi, der sich von diesem Aufgeputschten, Aufgepufften distanzierte.
Immer wo Gesten, Mimik und Schnitte besonders bedeutungsgeladen daher kamen, wurden sie von einem Erzähler ironisiert, der durch Doppelung des Bedeutungselements ein entfremdendes Element beisteuerte. In kurzen, knappen, nur das Äußerliche schildernden Kommentaren wurde eine zweite Ebene geschaffen. Leicht irritierend war schon, wenn das, was gezeigt wurde, noch einmal mit Worten beschrieben wurde. Besonders wirkungsvoll aber war die Verfremdung dann, wenn - wie in einer Regieanweisung - zuerst Mimik und Gestik beschrieben wurden, bevor der Schauspieler sie nachspielte und das so rasch, dass verblüffte, wie perfekt er in Sekundenschnelle genau den Ausdruck annehmen konnte, der angekündigt worden war.
Dadurch wurde auch alle Effekthascherei durch übertriebenen Ausdruck, durch handlungstrennende Schnitte und durch unwahrscheinliche Handlungskonstruktion als künstlich und aufgesetzt entlarvt. - Dies Stilmittel machte zu Kunst, was gewollt, aber nicht erreicht hätte scheinen können.
Endlich ein Tatort, den ich mir ansehen konnte, ohne mich zu ärgern!

Als ich am nächsten Tag nach den Nachrichten wieder in einen Krimi geriet, fand ich zu einem Erstaunen dasselbe Stilmittel wieder vor. Und haargenau in der gleichen Weise eingesetzt.
Ein Stilmittel, das ich zuvor noch nie in einem Krimi wahrgenommen hatte, an zwei aufeinander folgenden Tagen? Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen.

Da hatte ich plötzlich das Gefühl eines Déja-vu-Erlebnisses. Ich hatte etwas Ähnliches doch vor vielen Jahren schon einmal gesehen: Das war in einem Spielfilm für Blinde.

Inzwischen hat meine Frau herausgefunden, wie sie auch unseren häuslichen Fernseher so einstellen kann, dass er bei Tatortkrimis immer diesen schönen ironisierenden Kommentar liefert.
Übrigens muss es eine Menge Arbeit machen, die sehr gekonnten Texte abzufassen und geschickt in die stummen Szenen der Filme einzufügen.