19.4.20

Golo Mann - Erklärung einer Vorliebe in Bruchstücken (wird später geordnet werden)

Im März 1909 geboren ist er mit 9 Jahren von Wallenstein fasziniert: "das war Liebe auf den ersten Blick. Ich las Schillers Dreißigjährigen Krieg, und sobald ich zu Wallenstein kam, fing ich fast an zu zittern, dann also war ich hingerissen." (G. Gaus: Zur Person 2. Band, S.181)
Golo Mann war von großer intellektueller Redlichkeit. Aus meiner Sicht übertrifft ihn darin nur Günter de Bruyn.
Vor Gero von Böhm über sein Verhältnis zum Vater befragt, sagte er "Es war unvermeidlich, dass ich seinen Tod wünschte." Im Interview mit Gauss gefragt, ob er sich manchmal im Schatten seiner älteren Geschwister gesehen habe, erklärt er: "Im Schatten ein bißchen; daß ich neidisch gewesen wäre, glaube ich nicht, im Schatten ja. Sie waren älter, ein Altersunterschied, der in der frühen Kindheit nicht sehr wesentlich wirkte, aber als ich ein fünfzehnjähriger Schuljunge war, und mein Bruder war ein eleganter junger Schriftstelle, da war natürlich eine tiefe Kluft." (Gaus, S.177) "Aber sie waren beide gerade damals nett und hilfreich zu mir. Das wollte ich noch betonen." (S.178) 
Über seine Auslandserfahrungen - als junger Mann Leherr in Frankreich, Publizist in der Schweiz, in den USA dann Professor für amerikanische (!) Geschichte - sagt er: "[...] was mir nicht an der Wiege gesungen war, da ich im Grunde als provinzieller Mensch gemeint war" (Gaus, S.186 - Hervorhebung Fontanefan)

Vor kurzem habe ich eine Aussage von mir gelesen, wonach ich - wenn ich mich nicht schon zum Fontanefan erklärt hätte - mich auch zum Golo-Mann-Fan geeignet hätte.
Fünf Blogbeiträge habe ich mit Bezug auf Golo Mann geschrieben (hier 2, 3 hier), einen Wikipediaartikel über seinen Wallenstein.
Dabei habe ich seine Deutsche Geschichte von 1919, die ich als Abiturient vom Land Hessen geschenkt bekam, nicht geschätzt. Dass Hitler nur als H. vorkam, empfand ich als manieriert. Dass es nicht trocken geschrieben war, empfand ich nicht als wesentliche Qualität; denn ich kannte noch keine wissenschaftliche Literatur. Die Hitlerbiographie Alan Bullocks hatte ich auf Englisch gelesen und mich nicht gewundwert, dass es mir schwer fiel.
Erreicht hat mich Golo Mann über sein Interview mit Gero von Böhme und über den ersten Band seiner Autobiographie in der Taschenbuchausgabe 2003. Vom zweiten Band "Lehrjahre in Frankreich" kenne ich nur die Rezension (ZEIT 13/1999 25.3.) von Klaus Harpprecht. Sie schließt "Er war, alles in allem, die nobelste und menschlichste Figur in der großen Sippe der Manns."




16.4.20

Zur Triage

 "Die meisten Älteren wissen, wie sie sich zu verhalten haben" FR 16.4.20
"[...] Bei Diskussionen um die Lockerungen des Shutdowns kommt regelmäßig auch der Vorschlag, dass die Schwachen und Alten in der Isolation bleiben müssen, während der Rest der Gesellschaft wieder weitgehend den normalen Alltag leben kann. Wie denken Sie darüber?
Ich finde solche Aussagen und die ihnen zugrunde liegende paternalistische Haltung den Älteren gegenüber schrecklich und unwürdig. Jüngere spielen sich symbolisch gesehen als die selbst ernannten Eltern der Alten auf, die ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Dabei sind ältere Menschen doch diejenige Gruppe in unserem Gemeinwesen mit der größten Lebenserfahrung. Die meisten handeln vernünftig und wissen selbst, wie sie sich zu verhalten haben. Das kann man auch von ihnen erwarten. Trauen wir ihnen doch einfach zu, dass sie wissen, welches Verhalten risikoreich ist. Das muss ihnen niemand dauernd sagen.
Kann die Corona-Krise den Generationenkonflikt verstärken, wie er sich schon in der Klimadebatte angedeutet hat?
Ja – und der Weg kann in sehr gefährliches Terrain führen. In Extremsituationen – die wir jetzt noch nicht haben – kann es schnell dahin kommen, dass lange gegen kurze Leben gegeneinander abgewogen werden, im Stil von: „Der alte Mensch hat doch sein Leben schon gelebt.“ Solche Vereinfachungen kommen selbst, wie ich in meinem eigenen Freundeskreis feststellen musste, bei gebildeten Menschen vor. Aber man kann Leben nicht anhand der Länge bewerten. [...]" (Fragen: Pamela Dörhöfer Antworten: Hans-Werner Wahl)

Ich halte die Argumentation für ungenau. 
1. Angesichts des gegenwärtigen Standes der Forschung zu COVID-19 besteht unter Experten durchaus noch keine Einigkeit darüber, was getan werden sollte, um das Ansteckungsrisiko und damit die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems so gering wie möglich zu halten. Dementsprechend weiß ich es als älterer Mensch auch nicht, trotz abgeschlossenen Hochschulstudiums.
2. Ich selbst hatte vor 5 Jahren mit 70 Jahren vor einer lebensrettenden Operation sehr wohl den Eindruck, "mein Leben gelebt" zu haben. Daran halte ich fest, auch wenn ich jetzt einen Sinn darin sehe, z.B. einen Artikel zum Vergleich von Corona-Epidemie und Klimawandel angelegt zu haben und soziale Kontakte zu Menschen, die älter sind als ich (und zu denen ich aufgrund meiner Beziehungsgeschichte mit ihnen besseren Zugang habe als mancher andere), zu pflegen. 
Natürlich entscheidet nicht die Länge des Lebens über seinen Wert, sehr wohl aber spielen die voraussichtliche Dauer und die voraussichtliche Lebensqualität des Restlebens eine wesentliche Rolle für die Entscheidung bei der Triage. Geht es um wenige Tage, qualvolle Monate oder eine durchschnittliche Restlebenszeit von 40 Jahren?
Das soll die Grundüberlegung von Wahl nicht abwerten (Insofern sollte man den vollständigen Text lesen und nicht nur die Passage, die ich kritisiere.). Die Triage aber sollte m.E.  voraussichtliche Restlebenszeit und Lebensqualität  sehr wohl einbeziehen. 

25.3.20

privilegierte Kindheit

Meine Kinder bekamen einen Kindergartenplatz erst im September nach Vollendung ihres 4. Lebensjahres, dafür erhielten sie freilich schon mit 6 Jahren zweisprachigen Unterricht. Sie waren also sehr privilegiert. Keine Rede davon, dass ihnen etwas abgegangen wäre.

Man könnte es freilich auch anders sehen:
http://fontanefansschnipsel.blogspot.com/2020/03/was-braucht-ein-kind.html


13.3.20

Ein Brief aus Kriegszeiten


 5.12.1944
Mein lieber, lieber J!
Dies soll ein Weihnachtsbrief werden. Möge er dich bei guter Gesundheit antreffen. Liebster, mir fehlen die Worte, dir das Liebe zu sagen, was in meinem Herzen dir entgegen eilt über Raum und Zeit hinweg. Wie auch der Weihnachtstag aussehen mag, wir wollen danken für das Schöne, dass wir einmal hatten, für das, was uns geblieben ist, und uns in allem in Gottes Hand geben. Die alten Weihnachtslieder sind etwas fremd in der heutigen Zeit. Wir leben immer auf der Hut, aber die Kinder sind doch in ihrer Welt, vor allem die kleinen. Helmut und Elisabeth sind schon wacher. Aber die alte Welt mit ihrem Schimmer leuchtet doch noch stark in ihre Herzen. Und wenn uns Gott das Leben und die Möglichkeit gibt, dann ist viel, viel Glanz am Weihnachtsfest bei uns. Puppen von Ille, Nähmaschine von dir, Nähkorb, Wiege und Püppchen von Freia, deine alten Bleisoldaten, Bilderbücher und Bücher zum Lesen, Plätzchen, ja sogar noch die Tafel Schokolade und Birnenhutzeln – Änne will für Tannengrün sorgen. Ob Weihnachtsbaum ist sehr fraglich, aber Kerzen sind noch da. Es kann schön werden. Ist aber alles vernichtet, nur das Leben gerettet, dann wollen wir nicht verzagen. Es ist eine harte Zeit, in der wir leben, Gott wird uns alles lehren. Wir wollen hören und schmecken, wie lieblich der Herr ist, im Grauen, in Not. Ich sage, wir wollen es, wie wir im Falle der Not uns benehmen, das wissen wir heute nicht. Aber bereit sein müssen wir, auch das Schwerste zu ertragen. Es ist heute schon immer eine kleine Übung, wenn wir unsere Herzen immer wieder zur Kinderheiterkeit aufsschwingen. Weißt du, als unser Gut ist mir jetzt schon unpersönlich geworden. Ich übe mich in dem Gedanken,es zu verlieren. Und mit umso dankbarerem Herzen erfasse ich jede Schönheit der Form, der Farbe, der Harmonie und Wärme. [...]


7.12.1944
Nun ist der Tag auch vorbei. Vormittagsprogramm mächtig Alarm, da kam Sommers Mädchen und klagte: nun hat Herr ... alles zurecht gemacht, sein Gedicht gemacht und nun ist das Nikolauskostüm an den Kinderhort verliehen! Und eine Maske haben wir auch nicht. Na, ich beruhigte sie, er solle man kommen, es würde schon etwas gefunden werden. Vielleicht hätten Sie eine Sofadecke. Ich suchte nun in den Zeit (unleserlich) Vaters Lodenmantel, einen Flachsbart von Großmutters Spinnrad, eine Stoffbahn zum Umhängen und anderes, was wir nachher nicht brauchten.
Um 3:00 Uhr kam Frau Steinbach zum Klavierspielen, wo Elisabeth gut, Helmut sehr schlecht abschnitt. Dann aber hüpfte ich mit Gerhard auf dem Hof herum, weil er anscheinend Lufthungerkopfschmerzen hatte. Helmut hatte schon immer um [!] den Nikolaus geredet. Er wünscht sich sehnlichst einen. Na, auf einmal erschien Frau Sommer in der Hoftüre. Ihr Vater verzog sich schleunigst wieder in den Hintergrund und ich führte Frau Sommer ins Kinderzimmer, um dann ihren Vater im Esszimmer mit grauer Wolldecke und Zipfeklappmütze und dem übrigen zu einem großen stattlichen Nikolaus umzuwandeln. Das Säckchen mit Äpfeln von Sommers, Nüssen von Freia und Honigkuchen von Deckers trug er in der einen Hand. Stock, Notizbuch und Schere für die Daumenlutscher in der anderen. So stapfte eher nach dem Klingeln in das Kinderzimmer, das traulich hell ihm in den dunklen Flur entgegenleuchtete mit seinem Tannenschmuck, dem an der Lampe hängenden roten Adventskranz und dem Adventskranz am roten Ständer auf dem Tisch. Die Kinder erwartungsvoll dem Kommenden entgegenschauend. Änne saß stopfend am Tisch, Bücher und Spielzeug nicht unordentlich auch dabei, Puppenstube auf der Truhe, Ball von Freia auf dem Fensterbrett. Ein trauliches Familienbild, würdig von Ludwig Richter festgehalten zu werden.

Und nun hielt der Nikolaus seine Rede, holte sich ein Kind nach dem anderen. Frau Sommer im Korbstuhl flüsterte mir ihr Entzücken über die Haltung der einzelnen zu. Ich saß auf der Truhe und hatte Walter auf dem Schoß. Gertrud plapperte gleich los: "Ich habe eine Puppenstube!" Aber der Nikolaus hörte nicht hin, da stahl sie sich zu mir, ohne die Augen von ihm zu wenden. Bald schlich sich Elisabeth auch zu mir, während Helmut ins Verhör genommen wurde. Ihre Erregung zu verbergen flüsterte sie lebhaft mit Walterchen, verstummte aber, als ein Blick des Nikolaus sie verweisend traf. Trödelei, Schmieren und Übertreiben zu lassen, ließ sich der Nikolaus durch Handschlag versprechen. Helmut in tadelloser Haltung. "Entzückend!!" flüsterte Frau Sommer. Nun Elisabeth! Näschenputzen, Freundlichkeit, Gehorchen aufs Wort wurde in halsbrecherischen Versen von ihr verlangt. Gerhard und Gertrud standen dann nebeneinander mit großen Augen vor dem großen Mann. Gertrud in schwarzen Röckchen, roten Blüschen und Herzchenschüzchen, ein Bilderbuch krampfhaft im Arm. Gerhard blass (Erkältungsfieber abends, heute 37,1) und still aber freundlich. Daumenlutschen und Geschrei sollten abgestellt werden, leise klickte die Stickschere. Die nächsten abgelesenen unglaublichen Verse wurden sicher nicht verstanden, was den Eindruck aber sicherlich nicht schmälerte. Elisabeth wurde noch um ihren Weihnachtswunsch gefragt. Und zur großen Verblüffung aller kam: "Stoff!" Nichts als Stoff, 2 u. 3 x. Schließlich erholte sich der Nikolaus von seinem wiederholten fassungslosen Fragen und sagte: "Stoff, lieber Nikolaus heißt das!" "Für die Puppenkleider, die sie nähen will", erklärte ich. Helmut, der nach Befragen erklärte, Reiter werden zu wollen, wünschte sich: "Bis jetzt noch nichts." Aber in einem Brief an mich hatte er sich gewünscht: 1. dass die Matrosenbluse bis Weihnachten fertig würde und 2. die Hose und 3. Klebstoff, "wenn es geht", jedesmal verständnisvoll hinzugesetzt. Also sagte ich "Klebstoff", was aufgeschrieben wurde. Und dann wurde Helmut das Säckchen zum Verteilen gegeben. Als ich dem Nikolaus fortgeholfen hatte, fand ich eine glückliche Kinderschar  an je einem Apfel knabbernd. Helmut aber fragte ganz dumm: "Wie machen wir denn die Nüsse auf?" Bald waren alle geknackt und verzehrt und auch die Honigkuchen. Ach ja, Änne hatte als Einzigste mit dem Stock Schläge bekommen, weil sie so spät käme. Es rührte sie aber in keiner Weise trotz des wunderbaren Verses: "Änne, die ich ganz genau kenne!" Oh, es war einfach überwältigend. Einen schwarzen Zigarillo musste ich doch für diese Anstrengung opfern, obgleich der alte Herr ihn dir nicht rauben wollte. Aber du hättest ihn sicher auch mit Freunden gegeben. Ja, der gute alte Nikolaus war in Nürnberg gewesen, hatte den Vater gesprochen, es ginge ihm gut und er käme bald. Was so ein Himmelsmann doch alles versprechen kann! Nach dem Abendsüppchen – Gertrud hatte sich an Mutters hochgehäuften Bratkartoffelteller gemacht, zeigte sich bei Gerhard 38,8 Fieber. Und ehe Helmut noch im Bett lag, ging die Sirene. Gerade als alles fertig waren, bis auf Gerhard, der schon schlief, Hauptalarm. Vergnügt tappelten sie in den Keller ab. Und als ich nach einer halben Stunde mit dem dick verpackten Gerhard kam, saßen alle in den Federbetten über die Bücher geneigt. Ich legte mich dazu, Walter im Wagen hin und her schiebend, weil er noch nicht schlief. Elisabeth las Geschichten vor und strickte dabei!!! Ohne hinzusehen! Tatsächlich. Auch jetzt sitzt sie, liest und strickt. Und es ist noch keine Woche her, dass sie die erste Masche gestrickt hat! Es ist erstaunlich. Helmut hatte übrigens nach dem Weggang des Nikolaus die für ihn bezeichnende Bemerkung gemacht: "Er hat aber bloß von dem Schlechten und unseren Fehlern geredet. Das Gute hat er nicht aufgeschrieben!" Er wird so gern gelobt. Er braucht die Anerkennung zur Aufmunterung. – Im Keller war es abgesehen von dem furchtbaren Gestank den Fräulein H. verbreitet, recht gemütlich. Herr Breitstadt zog schließlich seine Uhr und sagte: "Helmut, freue dich 5 Min. nach zehn!" Da braucht er er erst eine Stunde später in die Schule. "Aber Ihre Uhr geht doch vor!" Und Huhuuuu ging die Hauptentwarnung, und es war erst 10 Min. vor 10! "Nun muss sich Helmut wieder entfreuen, meinte Frau H. Wie macht er das? "Indem er das Tintenfass umschmeißt, wie heute nach der Klavierstunde!" sagte ich. Aha. – Na, bald schlafen alle. Und Gerhard Tat die zweite Blaudorntablette so gut, dass er heute wieder fröhlich auf dem Sofa liegend spielt. Und das Kinderplaudern bei Tisch war so fröhlich wie immer. "Ich bin ein Häschen", meinte Gertrud. "Du bist doch kein Nagetierchen", sagte ich. "Ich habe doch kein Nagelscherchen im Munde", echote sie lustig! Ach, J., unsere Kinder! Und Walters Pastellfarben, licht, wie auf Elfenbein von Tischbein gemalt mit diesen himmlischen duftigen Blau, Rosa und Mattgold. Liebster, wo wir auch sind, wir haben Schönstes gesehen, empfunden, erlebt, wir müssen alles bezahlen und immer noch stehen wir im Zeichen der Gnade. Deine L.

6.3.20

Beinahe-Namen (Bezeichnung, Bedeutungsumfang, Bedeutungswandel)

In England heißt (oder hieß?) der Staubsauger oft Hoover, in Deutschland hieß der Alleskleber oft Uhu, und wie das Mobiltelephon in Deutschland zu dem Namen Handy kam, lässt sich nicht erfolgreich googeln.
Wieso eigentlich nennt man ein Internetlexikon Wikipedia und eine Enzyklopädie nicht mehr Brockhaus?

Wie Erscheinungen des täglichen Lebens zu ihren Namen kamen und welche Namen nie gebräuchlich wurden bzw. nach kurzem Gebrauch wieder in Vergessenheit gerieten, darüber macht sich Kathrin Passig in ihrer Rubrik in der FR (Frankfurter Rundschau) "Beinahe-Namen" so ihre Gedanken, und ich bin ihr dankbar, dass sie für das Phänomen, über dass ich mir immer wieder einmal Gedanken mache, ohne dass ich es kurz benennen konnte, einen Namen gefunden hat, den ich zum Titel meines Artikels machen konnte.
Übrigens: culotte war einmal der Name für die Kniebundhose (vgl. aber auch engl. breeches und frz. hauts-de-chausettes) der Adligen. Die revolutionären Bürger nannten sich daher sansculottes. Heute ist es der Name für Slips, die auf Englisch briefs heißen und auf Deutsch früher Schlüpfer hießen, auf Französisch ebenfalls slip, während der Brief auf Englisch weiterhin letter heißt, ein briefcase aber auf Deutsch Aktenmappe heißt, weil darin briefs (Aufträge) gesammelt werden. Französisch culotte bedeutet freilich heute Unterhose,
Jetzt sind wir freilich bei anderen Phänomenen gelandet, den faux-amis, die auf Deutsch in Lehnübersetzung falsche Freunde heißen, und dem Bedeutungswandel innerhalb einer Sprache, zwei Phänomene, die einerseits unterschiedlich sind, andererseits aber oft auch zusammenhängen.
Ohne diese Themen erschöpfen zu wollen, erwähne ich noch das deutsche Wort nett, dass französisch mit gentil, aber auch mit propre wiedergegeben wurde, heute aber meist mit sympa. Und französisch collants, was nicht gleichbedeutend ist mit Strumpfhose, sondern mit transparente Feinstrumpfhose, englisch pantyhose. Breeches und tights (diese niederländisch maillot, spanisch mallas, italienisch calzamglia, türkisch tights) erwähne ich nur, um deutlich zu machen, wie gerade bei Unterwäsche (frz. sous-vêtement, engl. undergarment) die Erscheinungen so differenziert sind, dass es kein Wunder ist, dass der jeweilige Begriffsumfang in den verschiedenen Sprachen nicht immer deckungsgleich ist (vgl. auch  dt. Lingerie, engl. lingerie mit frz. lingerie).

Und wieso eigentlich wurde aus dem Eigennamen Caesar ein Herrschaftstitel (Kaiser, Zar) und aus dem Herrschaftstitel augustus der Eigenname für Oktavian?

15.2.20

Träumereien an französischen Kaminen

Träumereien an französischen Kaminen ist eine Märchensammlung des deutschen Chirurgen und Schriftstellers Richard von Volkmann (Pseudonym als Schriftsteller: Richard Leander; heute: Richard von Volkmann-Leander). Die Sammlung besteht aus 22 Kunstmärchen, die der Autor im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 während der Monate der Belagerung von Paris für seine Familie verfasst hat. [...] 
(Wikipedia: Träumereien an französischen Kaminen)

Der Wunschring
Ein junger Bauer, der zwar hart arbeitete, aber wenig mit seinem Hof verdiente, wurde auf dem Feld von einer Hexe angesprochen, er solle zwei Tage geradeaus gehen, bis er an eine Tanne komme, die frei im Wald steht. Diese solle er fällen, dann würde er sein Glück machen. Sogleich nahm der Bauer sein Beil und machte sich auf den Weg. Nach zwei Tagen fand er die Tanne, ging sofort daran, sie zu fällen, und als sie umstürzte, fiel ein Nest mit zwei Eiern heraus. Die Eier zerbrachen, und aus dem einen kam ein junger Adler heraus und aus dem anderen fiel ein kleiner goldener Ring. Der Adler wuchs schnell heran und rief: „Du hast mich erlöst! Nimm zum Dank den Ring, der in dem anderen Ei gewesen ist! Es ist ein Wunschring. Wenn du ihn am Finger umdrehst und dabei einen Wunsch aussprichst, wird er bald in Erfüllung gehen. Aber es ist nur ein einziger Wunsch im Ring, darum überlege dir gut, was du dir wünschst!“  [...]
 „Lass doch dein ewiges Drängen“, erwiderte der Bauer. „Ein Wunsch ist nur in dem Ringe, und wer weiß, was uns noch einmal zustößt, wo wir den Ring brauchen.“ [...]

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen

Ein Königspaar hatte drei Töchter, und alle drei hatten gläserne Herzen. „Nehmt euch mit euren Herzen in Acht“, sagte die Königin, „sie sind zerbrechlich!“ Und sie taten es auch. Eines Tages jedoch lehnte sich die älteste Schwester zum Fenster hinaus und sah hinab in den Garten. Dabei drückte sie sich ihr Herz: kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot. Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen Kaffee. Da gab es abermals einen Klang, wie wenn ein Glas springt, nur etwas feiner wie das erste Mal, und auch sie fiel um. Da hob sie ihre Mutter auf, merkte aber zu ihrer Freude, dass sie nicht tot war, sondern dass ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte, jedoch noch hielt. Der König und die Königin waren sehr besorgt, aber die Prinzessin sagte: „Manchmal hält das, was einen Sprung bekommen hat, noch recht lange!“
Als die jüngste Königstochter herangewachsen war, kamen viele Königssöhne, um sie zu freien. Doch der alte König sagte: „Es muss ein König sein, der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen versteht.“ Ein Edelknabe, der beim König in Ausbildung war, musste nur noch dreimal die Schleppe der jüngsten Königstochter tragen, um richtiger Edelmann zu werden. Als er die Schleppe der Prinzessin trug, gefiel ihm die Prinzessin sehr und auch der Prinzessin gefiel der Edelknabe, so dass sich beide lieb gewannen. Als er nun ein richtiger Edelmann war, dankte ihm der König, gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen. An der Gartentür sprach die Königstochter zu ihm: „Wenn du doch Glaser wärst!“ Darauf antwortete der Edelmann, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie möge nur auf ihn warten. [...] "


13.2.20

Zufallsbekanntschaft

Ich habe ihr in der Bahn zugehört, wie sie mit ihren Kolleginnen über das Leichtathletiktraining sprach, zu dem sie fuhren. Mir fiel auf, wie abhängig sich die Sportlerinnen von ihren männlichen Trainern fühlten. Sie fiel mir auf, weil sie die Vernünftigste und Reifste aus der Gruppe zu sein schien. Vermutlich war sie auch die Schönste, sonst hätte ich mich nicht so lange an dies Gespräch in der Bahn erinnert.
Ob ich je ihren Namen gewusst habe, weiß ich nicht. Ich vermute, dass ich, als sie deutsche Meisterin im 800-m-Lauf wurde, ihr Bild in der Zeitung gesehen und damals geglaubt habe, sie identifizieren zu können.
Seitdem habe ich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder einmal etwas über ihre Rolle als Sportfunktionärin und als Kommunalpolitikerin gelesen und mich gefreut, dass sie dabei immer gut weg kam. Jetzt lese ich, dass sie als Rechtsanwältin den Neuanfang der AWO in Frankfurt moderieren wird und dass sie 1982, als die sozialliberale Bundesregierung auseinander brach, in einem Akt der Solidarität der AWO beigetreten sei (offenbar, weil sie die irgendwie mit dieser Koalition - vermutlich primär mit der SPD - assoziierte).

Eine Bekanntschaft war sie nur für mich, weil ich einmal mit ihr im selben Bahnabteil gesessen habe und danach die Gelegenheit hatte, ihren Lebensgang (oder auch nur den der Person, mit der ich sie identifizierte) aus der Ferne mitzuverfolgen.

16.1.20

Die Widerspruchsregelung hat sich nicht durchgesetzt, aber ...

... die Diskussion über die Organspende hat deutlich gemacht, wie wichtig Spendenbereitschaft ist.
Wenn sich nun alle, die sich für die #Widerspruchslösung eingesetzt haben, für die kommenden 20 Jahre als Organspender registrieren lassen, dann wäre das ein Riesenerfolg im Sinne aller, die auf eine Spende warten.

Zum Persönlichen: Ich habe 40 Jahre einen Organspenderausweis bei mir getragen. Jetzt sind meine Organe über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus. Der Zeitpunkt "best before" dürfte vor einigen Jahrzehnten überschritten worden sein. Meine persönliche Entscheidung, nicht mehr zur Organspende zur Verfügung zu stehen, ist insofern vermutlich uninteressant.

Gesellschaftlich ist die Frage, ob jeder, der nicht rechtswirksam erklärt hat, dass er seine Organe nicht freigibt, nach seinem Gehirntod als Organspender zur Verfügung stehen sollte, sehr wohl interessant.
Die Erklärung in einer Patientenverfügung, man wolle nicht am Leben erhalten werden, wenn der Tod ohnehin relativ kurzfristig bevorsteht, gerät in Konflikt mit der Rolle als Organspender. Denn dann muss nach dem Gehirntod eine weitere Versorgung der Organe sichergestellt werden. - Wie man in dieser Situation die Bedeutung meines Willens beurteilt, ist Sache der behandelnden Ärzte. Vielleicht geraten sie dadurch in einen ethischen Konflikt.
Es ist nicht zu erwarten, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung so intensiv mit dem Sterbeprozess und mit dem Vorgang einer Organentnahme (insbesondere mit der organprotektiven Intensivtherapie)  befassen wird, dass er  beim Verzicht auf einen Widerspruch gegen eine Organentnahme eine informierte Entscheidung trifft.

Ich selbst war weder bei meiner Entscheidung für die postmortale Organspende noch bei der Entscheidung dagegen annähernd so gut über die verschiedenen Prozesse informiert, jetzt aufgrund der Diskussion über die Widerspruchsregelung.

Was auf meine persönliche Haltung zu der Frage eingewirkt hat:
Ich habe den Sterbeprozess meiner Schwägerin und meines Bruders mitverfolgt.
Meine Schwägerin wurde so lange am Leben erhalten wie irgend möglich und hat lange gelitten. Mein Bruder hatte, als er den Tod vor Augen hatte, ohne größeren Leidensdruck die Möglichkeit sich von allen "Weggefährten", wie er sie nannte, zu verabschieden.
Wenn ich jung wäre, würde ich mich wahrscheinlich wieder für die Organspende entscheiden. Gegenwärtig ist mir wichtiger, dass meine Patientenverfügung ernst genommen und nicht übergangen wird.

Links:
Ausführliches Votum für die Widerspruchslösung, FR 15.1.20
Ausführliches Votum dagegen, FR 15.1.20