26.12.12

Weihnachten: Vision, Überlieferung, Realität


Weihnachten enthält für viele Menschen die Vision vom Frieden auf Erden, der kommen kann, auch wenn die Menschen noch nicht reif für ihn sind:

Am Anfang wächst neues Leben dort, wo Leben zerstört worden ist. Dies neue Leben entsteht aus Vertrauen in die Zukunft und bringt eine Frucht hervor, die neues Vertrauen in die weitere Zukunft schafft.
(Dies neue Leben ist gleichsam eine "vertrauensbildene Maßnahme".) Aus diesem Vertrauen erwächst Geborgenheit, die Voraussetzung dafür, dass werdende menschliche Lebewesen ein Urvertrauen entwickeln können.
Dies Vertrauen wird freilich nur gerechtfertigt, wenn jeder Mensch so viel Verantwortung für das neue Leben, die vertrauensbildende Hoffnung, übernimmt, dass es weiter wachsen kann trotz aller entgegenstehender Kräfte.

Dieser Text ist in Anlehnung an eine christliche Weihnachtspredigt so formuliert worden, dass er möglichst gut zu einer jüdischen Vision, einer christlichen Überlieferung und einer muslimischen Realität passt:

Jüdische Vision: Jesaja, Kapitel 11, Vers 1-10
Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm: / der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, / der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.
[Er erfüllt ihn mit dem Geist der Gottesfurcht.] / Er richtet nicht nach dem Augenschein / und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er,
sondern er richtet die Hilflosen gerecht / und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen / mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen / mit dem Hauch seines Mundes.
Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, / Treue der Gürtel um seinen Leib.
Dann wohnt der Wolf beim Lamm, / der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Knabe kann sie hüten.
Kuh und Bärin freunden sich an, / ihre Jungen liegen beieinander. / Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, / das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
Man tut nichts Böses mehr / und begeht kein Verbrechen / auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, / so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.
An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, / der dasteht als Zeichen für die Nationen; die Völker suchen ihn auf; / sein Wohnsitz ist prächtig.

Christliche Überlieferung: Lukas, Kapitel 2, Vers 1-20

Muslimische Realität:
Einem Koranschüler, der nicht lesen lernen konnte, sagte sein Lehrer voraus: Du wirst in anderer Weise ein Segen für die Menschen werden. Darauf baute er am Rand der Wüste Bäume und Hirse an und leitete so letztlich Hundertausende von Menschen an, die Wüste aufzuhalten und so Getreide zur Ernährung von über zwei Millionen Menschen zu schaffen.

Eine etwas ausführlichere Version dieser Geschichte mit einigen Belegen. 

Eine ausführliche Version (auf die stützen sich die Kurzversion wie auch die etwas ausführlichere.)

Jetzt muss freilich hinzugefügt werden: 
In der Realität wurde dem Bauern, der Bäume und Hirse säte, beides zerstört. Als er trotzdem alles neu aufbaute, wurde er enteignet. Noch kämpft er darum, für seine Nachkommen mehr von dem für sie behalten zu dürfen, als was man ihm und ihnen zugestehen will.
Auch wenn zusätzlich Nahrung für über zwei Millionen Menschen entsteht, reicht das nicht gegen den Hunger in Afrika, geschweige den in der Welt. Außerdem wird der Klimawandel voraussichtlich all das neu Aufgebaute zerstören.

In der Kirche, in der ich die Predigt gehört habe, stand vor dem Weihnachtsbaum, der inzwischen zu der Tradition dazu gehört, die vom Kommen des Gotteskindes in die Welt handelt, ein gekreuzigter Christus.

Man kann das so verstehen, dass der, der die Verantwortung für die Weitergabe des Vertrauens übernimmt, oft selbst in seinem Vertrauen enttäuscht wird.

Es gibt immer wieder Geborgenheit, Vertrauen und Verantwortung, und immer wieder werden sie zerstört, enttäuscht und bestraft.
Wer sich dennoch eine Hoffnung bewahrt, glaubt an die Möglichkeit von etwas ähnlich Unmöglichem wie die Auferstehung der Toten.

Viele Klimaschutzexperten sehen jetzt schon keinerlei Möglichkeit mehr, die  weltweite Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Trotzdem treten sie weiter für Klimaschutz ein. Und der siebzigjährige Bauer in der Sahelzone hält seine Söhne an, sein Werk fortzusetzen und setzt seine schwindenden Kräfte voll dafür ein, dass auch andere seine Methoden lernen und ebenfalls einsetzen können.

Wenn er eine Ruhepause braucht, sitzt er geborgen im Schatten seiner selbst gepflanzten Bäume.

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