16.4.20

Zur Triage

 "Die meisten Älteren wissen, wie sie sich zu verhalten haben" FR 16.4.20
"[...] Bei Diskussionen um die Lockerungen des Shutdowns kommt regelmäßig auch der Vorschlag, dass die Schwachen und Alten in der Isolation bleiben müssen, während der Rest der Gesellschaft wieder weitgehend den normalen Alltag leben kann. Wie denken Sie darüber?
Ich finde solche Aussagen und die ihnen zugrunde liegende paternalistische Haltung den Älteren gegenüber schrecklich und unwürdig. Jüngere spielen sich symbolisch gesehen als die selbst ernannten Eltern der Alten auf, die ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Dabei sind ältere Menschen doch diejenige Gruppe in unserem Gemeinwesen mit der größten Lebenserfahrung. Die meisten handeln vernünftig und wissen selbst, wie sie sich zu verhalten haben. Das kann man auch von ihnen erwarten. Trauen wir ihnen doch einfach zu, dass sie wissen, welches Verhalten risikoreich ist. Das muss ihnen niemand dauernd sagen.
Kann die Corona-Krise den Generationenkonflikt verstärken, wie er sich schon in der Klimadebatte angedeutet hat?
Ja – und der Weg kann in sehr gefährliches Terrain führen. In Extremsituationen – die wir jetzt noch nicht haben – kann es schnell dahin kommen, dass lange gegen kurze Leben gegeneinander abgewogen werden, im Stil von: „Der alte Mensch hat doch sein Leben schon gelebt.“ Solche Vereinfachungen kommen selbst, wie ich in meinem eigenen Freundeskreis feststellen musste, bei gebildeten Menschen vor. Aber man kann Leben nicht anhand der Länge bewerten. [...]" (Fragen: Pamela Dörhöfer Antworten: Hans-Werner Wahl)

Ich halte die Argumentation für ungenau. 
1. Angesichts des gegenwärtigen Standes der Forschung zu COVID-19 besteht unter Experten durchaus noch keine Einigkeit darüber, was getan werden sollte, um das Ansteckungsrisiko und damit die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems so gering wie möglich zu halten. Dementsprechend weiß ich es als älterer Mensch auch nicht, trotz abgeschlossenen Hochschulstudiums.
2. Ich selbst hatte vor 5 Jahren mit 70 Jahren vor einer lebensrettenden Operation sehr wohl den Eindruck, "mein Leben gelebt" zu haben. Daran halte ich fest, auch wenn ich jetzt einen Sinn darin sehe, z.B. einen Artikel zum Vergleich von Corona-Epidemie und Klimawandel angelegt zu haben und soziale Kontakte zu Menschen, die älter sind als ich (und zu denen ich aufgrund meiner Beziehungsgeschichte mit ihnen besseren Zugang habe als mancher andere), zu pflegen. 
Natürlich entscheidet nicht die Länge des Lebens über seinen Wert, sehr wohl aber spielen die voraussichtliche Dauer und die voraussichtliche Lebensqualität des Restlebens eine wesentliche Rolle für die Entscheidung bei der Triage. Geht es um wenige Tage, qualvolle Monate oder eine durchschnittliche Restlebenszeit von 40 Jahren?
Das soll die Grundüberlegung von Wahl nicht abwerten (Insofern sollte man den vollständigen Text lesen und nicht nur die Passage, die ich kritisiere.). Die Triage aber sollte m.E.  voraussichtliche Restlebenszeit und Lebensqualität  sehr wohl einbeziehen. 

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