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15.2.20

Träumereien an französischen Kaminen

Träumereien an französischen Kaminen ist eine Märchensammlung des deutschen Chirurgen und Schriftstellers Richard von Volkmann (Pseudonym als Schriftsteller: Richard Leander; heute: Richard von Volkmann-Leander). Die Sammlung besteht aus 22 Kunstmärchen, die der Autor im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 während der Monate der Belagerung von Paris für seine Familie verfasst hat. [...] 
(Wikipedia: Träumereien an französischen Kaminen)

Der Wunschring
Ein junger Bauer, der zwar hart arbeitete, aber wenig mit seinem Hof verdiente, wurde auf dem Feld von einer Hexe angesprochen, er solle zwei Tage geradeaus gehen, bis er an eine Tanne komme, die frei im Wald steht. Diese solle er fällen, dann würde er sein Glück machen. Sogleich nahm der Bauer sein Beil und machte sich auf den Weg. Nach zwei Tagen fand er die Tanne, ging sofort daran, sie zu fällen, und als sie umstürzte, fiel ein Nest mit zwei Eiern heraus. Die Eier zerbrachen, und aus dem einen kam ein junger Adler heraus und aus dem anderen fiel ein kleiner goldener Ring. Der Adler wuchs schnell heran und rief: „Du hast mich erlöst! Nimm zum Dank den Ring, der in dem anderen Ei gewesen ist! Es ist ein Wunschring. Wenn du ihn am Finger umdrehst und dabei einen Wunsch aussprichst, wird er bald in Erfüllung gehen. Aber es ist nur ein einziger Wunsch im Ring, darum überlege dir gut, was du dir wünschst!“  [...]
 „Lass doch dein ewiges Drängen“, erwiderte der Bauer. „Ein Wunsch ist nur in dem Ringe, und wer weiß, was uns noch einmal zustößt, wo wir den Ring brauchen.“ [...]

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen

Ein Königspaar hatte drei Töchter, und alle drei hatten gläserne Herzen. „Nehmt euch mit euren Herzen in Acht“, sagte die Königin, „sie sind zerbrechlich!“ Und sie taten es auch. Eines Tages jedoch lehnte sich die älteste Schwester zum Fenster hinaus und sah hinab in den Garten. Dabei drückte sie sich ihr Herz: kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot. Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen Kaffee. Da gab es abermals einen Klang, wie wenn ein Glas springt, nur etwas feiner wie das erste Mal, und auch sie fiel um. Da hob sie ihre Mutter auf, merkte aber zu ihrer Freude, dass sie nicht tot war, sondern dass ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte, jedoch noch hielt. Der König und die Königin waren sehr besorgt, aber die Prinzessin sagte: „Manchmal hält das, was einen Sprung bekommen hat, noch recht lange!“
Als die jüngste Königstochter herangewachsen war, kamen viele Königssöhne, um sie zu freien. Doch der alte König sagte: „Es muss ein König sein, der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen versteht.“ Ein Edelknabe, der beim König in Ausbildung war, musste nur noch dreimal die Schleppe der jüngsten Königstochter tragen, um richtiger Edelmann zu werden. Als er die Schleppe der Prinzessin trug, gefiel ihm die Prinzessin sehr und auch der Prinzessin gefiel der Edelknabe, so dass sich beide lieb gewannen. Als er nun ein richtiger Edelmann war, dankte ihm der König, gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen. An der Gartentür sprach die Königstochter zu ihm: „Wenn du doch Glaser wärst!“ Darauf antwortete der Edelmann, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie möge nur auf ihn warten. [...] "


13.2.20

Zufallsbekanntschaft

Ich habe ihr in der Bahn zugehört, wie sie mit ihren Kolleginnen über das Leichtathletiktraining sprach, zu dem sie fuhren. Mir fiel auf, wie abhängig sich die Sportlerinnen von ihren männlichen Trainern fühlten. Sie fiel mir auf, weil sie die Vernünftigste und Reifste aus der Gruppe zu sein schien. Vermutlich war sie auch die Schönste, sonst hätte ich mich nicht so lange an dies Gespräch in der Bahn erinnert.
Ob ich je ihren Namen gewusst habe, weiß ich nicht. Ich vermute, dass ich, als sie deutsche Meisterin im 800-m-Lauf wurde, ihr Bild in der Zeitung gesehen und damals geglaubt habe, sie identifizieren zu können.
Seitdem habe ich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder einmal etwas über ihre Rolle als Sportfunktionärin und als Kommunalpolitikerin gelesen und mich gefreut, dass sie dabei immer gut weg kam. Jetzt lese ich, dass sie als Rechtsanwältin den Neuanfang der AWO in Frankfurt moderieren wird und dass sie 1982, als die sozialliberale Bundesregierung auseinander brach, in einem Akt der Solidarität der AWO beigetreten sei (offenbar, weil sie die irgendwie mit dieser Koalition - vermutlich primär mit der SPD - assoziierte).

Eine Bekanntschaft war sie nur für mich, weil ich einmal mit ihr im selben Bahnabteil gesessen habe und danach die Gelegenheit hatte, ihren Lebensgang (oder auch nur den der Person, mit der ich sie identifizierte) aus der Ferne mitzuverfolgen.

16.1.20

Die Widerspruchsregelung hat sich nicht durchgesetzt, aber ...

... die Diskussion über die Organspende hat deutlich gemacht, wie wichtig Spendenbereitschaft ist.
Wenn sich nun alle, die sich für die #Widerspruchslösung eingesetzt haben, für die kommenden 20 Jahre als Organspender registrieren lassen, dann wäre das ein Riesenerfolg im Sinne aller, die auf eine Spende warten.

Zum Persönlichen: Ich habe 40 Jahre einen Organspenderausweis bei mir getragen. Jetzt sind meine Organe über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus. Der Zeitpunkt "best before" dürfte vor einigen Jahrzehnten überschritten worden sein. Meine persönliche Entscheidung, nicht mehr zur Organspende zur Verfügung zu stehen, ist insofern vermutlich uninteressant.

Gesellschaftlich ist die Frage, ob jeder, der nicht rechtswirksam erklärt hat, dass er seine Organe nicht freigibt, nach seinem Gehirntod als Organspender zur Verfügung stehen sollte, sehr wohl interessant.
Die Erklärung in einer Patientenverfügung, man wolle nicht am Leben erhalten werden, wenn der Tod ohnehin relativ kurzfristig bevorsteht, gerät in Konflikt mit der Rolle als Organspender. Denn dann muss nach dem Gehirntod eine weitere Versorgung der Organe sichergestellt werden. - Wie man in dieser Situation die Bedeutung meines Willens beurteilt, ist Sache der behandelnden Ärzte. Vielleicht geraten sie dadurch in einen ethischen Konflikt.
Es ist nicht zu erwarten, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung so intensiv mit dem Sterbeprozess und mit dem Vorgang einer Organentnahme (insbesondere mit der organprotektiven Intensivtherapie)  befassen wird, dass er  beim Verzicht auf einen Widerspruch gegen eine Organentnahme eine informierte Entscheidung trifft.

Ich selbst war weder bei meiner Entscheidung für die postmortale Organspende noch bei der Entscheidung dagegen annähernd so gut über die verschiedenen Prozesse informiert, jetzt aufgrund der Diskussion über die Widerspruchsregelung.

Was auf meine persönliche Haltung zu der Frage eingewirkt hat:
Ich habe den Sterbeprozess meiner Schwägerin und meines Bruders mitverfolgt.
Meine Schwägerin wurde so lange am Leben erhalten wie irgend möglich und hat lange gelitten. Mein Bruder hatte, als er den Tod vor Augen hatte, ohne größeren Leidensdruck die Möglichkeit sich von allen "Weggefährten", wie er sie nannte, zu verabschieden.
Wenn ich jung wäre, würde ich mich wahrscheinlich wieder für die Organspende entscheiden. Gegenwärtig ist mir wichtiger, dass meine Patientenverfügung ernst genommen und nicht übergangen wird.

Links:
Ausführliches Votum für die Widerspruchslösung, FR 15.1.20
Ausführliches Votum dagegen, FR 15.1.20

22.12.19

Kuriosum

Heute schreibt mich ein Wikipediabot auf Tadschikisch an. So lerne ich dazu, dass Tadschikisch zu der persischen Sprachfamilie gehört und dass etwa 800 000 Usbeken Tadschikisch sprechen und natürlich mehrere Millionen Bewohner von Tadschikistan.
So danke ich dem Bot für den Lernanstoß.
Vielleicht ist das für eine(n) LeserIn ein Anstoß, nachzulesen, was ein Wikipediabot ist.

11.10.19

Die Gnade der frühen Geburt

So Unrecht hatte Helmut Kohl nicht, als er von der "Gnade des späten Geburt" sprach.
Man weiß nicht, ob er sich in der Zeit des Nationalsozialismus bewährt hätte. Vor allem aber: ohne die deutsche Teilung hätte er nicht "Vater der Einheit" werden können.
Sein Vorgänger Helmut Schmidt hätte sicher gern auf seine Zeit in der NS-Wehrmacht verzichtet (ebenso wie Grass); aber man weiß nicht, ob er sich angesichts des Flüchtlingsproblems und des Klimawandels mit seiner pragmatischen Art bewährt hätte.
Der NATO-Doppelbeschluss hat sich dank Gorbatschow nicht als verhängnisvoll, sondern als förderlich für die Beendigung der Ost-West-Spaltung der Welt erwiesen.

Ich habe meinerseits für die "Gnade der frühen Geburt" zu danken, dass ich die Folgen des Handelns meiner Generation nicht mehr werde ausbaden müssen, wenn das 2-Grad-Ziel verfehlt werden sollte.
Anders als Fontane sage ich nicht "Das möcht' ich noch erleben", sondern "Das möcht' ich nicht erleben". Noch bleibt die Hoffnung, dass das Aufstehen der jungen Generation hilft und dass die vielen Fortschritte, die die Veränderungen nach dem 2. Weltkrieg gebracht haben, nicht in eine für die Menschheit verhängnisvolle Katastrophe führen. Denn es gibt noch immer Wege in eine bessere Zukunft, nur ist noch unklar, ob sie beschritten werden können.
Anders als Fontane brauche ich nicht zu sagen "Was soll denn der Unsinn" (obwohl AfD und Trump Schlimmeres als Unsinn produzieren); denn die Schülerstreikbewegung gibt Hoffnung, gerade weil sie auf die verfahrene Situation von heute aufmerksam macht.
"Die Zukunft liegt in Finsternis" und ich bin dankbar dafür, dass ich das nicht erleben muss, was ich mit meiner Kraft nicht verhindern kann, was zu verhindern aber unser aller gemeinsame Aufgabe ist.*
An anderen Stellen versuche ich deshalb ein wenig auf Gefahren und Möglichkeiten aufmerksam zu machen und sei es durch Hinweise auf Texte von anderen:
2052 - Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima - Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern - Ein anderer Kapitalismus ist machbar  - Texte mit einer kritischen Sicht auf Wirtschaftsweisen, die zu Verschwendung und gesellschaftlicher Spaltung führen. 
Weil man bei diesen Texten gewiss nicht bis zum ältesten dort angeführten durchhält, weise ich getrennt auch auf den von 2013 hin: Egotrip der Kapitalisten (unter Bezug auf Schirrmacher).

* 1989 habe ich im Hinblick auf die Atomkriegsgefahr formuliert "Wer heute verantwortlich handelt, muss dazu beitragen, die Verantwortung, die er selbst und die künftige Generation haben werden, wieder auf ein menschliches Maß zurückzuführen. 
Aber Sie und ich, wir brauchen uns nicht darum zu kümmern?"
Die Verantwortung, die wir gegenwärtig tragen, ist ungeheuerlich. Aber wir dürfen ihr nicht ausweichen. Ein großes Glück, dass wir nicht die einzigen sind, denen jetzt die Verantwortung bewusst wird und dass es Wege in die Zukunft gibt.

9.9.19

Schopenhauer und Lesen

"Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, denken." (Parerga und Paralipomena, Zweiter Band, F. A. Brockhaus, Leipzig 1874, Kapitel 22 Selbstdenken, § 267, S.529) 
"Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. […] Daher kommt es, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest,[...] die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, [...]" (Parerga und Paralipomena II, Zweiter Band, F. A. Brockhaus, Leipzig 1874, Kapitel 24 Ueber Lesen und Bücher, § 299, S.587)
(Wikiquote)

Er muss bei seinem Drang, über die Denker seiner Zeit hinaus zu denken, bei der Kantlektüre ein ähnliches Gefühl gehabt haben wie ich bei der Korrektur von Klassenarbeiten, wenn ich (gefühlt) 25 mal das Gleiche immer wieder aufgrund von Ausdrucksschwierigkeiten in anderer Weise verballhornt gelesen habe.
"Warum muss ich immer wieder das Gleiche lesen und mich fragen, woran es liegt, dass es falsch herauskommt, wo ich doch endlich mal etwas Neues denken will."
Mir war da ein Eppler- oder Glotz-Text ein Erfrischungsbad und regte mich an, während Schopenhauer in Kants drei Kritiken vermutlich "immer den gleichen Quark" vorgesetzt zu bekommen fühlte. 

Oder wie die Anekdote von Mommsen berichtet, als er zu einem runden Geburtstag eine dicke Festschrift überreicht bekam: "Ach, wie viel Zeit wird es mich kosten, das alles zu widerlegen."