Pages

22.9.26

Ein freundlicher Ohrwurm

 "Ich ging im Walde so für mich hin ..."

"und nichts zu suchen ..." Schubert lässt es den Sänger - mit wachsender Dringlichkeit - dreimal singen.

Was ist denn so wichtig? 

Nichts. 

Was ganz beschaulich angefangen hatte, verstört plötzlich. 

Jetzt bekommt der Titel des Gedichts seine Bedeutung: "Gefunden"

Und die Goethebiographen haben ihren Stoff.

15.9.26

Löwe und Lamm leben zusammen - eine Utopie?

Seit Wochen habe ich die Bekannte nicht besuchen können. Allein traut sie sich nicht aus dem Haus, weil sie immer wieder mal unvermutet stürzt. "Können wir zusammen hinaus gehen?" "Ach nein, ich trau mich jetzt nicht." - Beim dritten Besuch: "Geht es jetzt?" Wir sitzen auf der Bank, da kommt der stürmische Hund des Nachbarn und stürzt sich auf sie. Er riecht, dass sie eine Hunde- und Katzen"närrin" ist, Sie wird abgeschleckt. Ich daneben bleibe unbehelligt. 

In der Zeitung (oder im Netz) ein Foto von Löwe und Mann, die beieinander liegen. Der Mann hat das Löwenbaby großgezogen. Eine enge Verbindung. Absichtlich hat er ihn nicht trainiert, will ihm möglichst viel von seiner Wildheit lassen.

Wenn sie miteinander spielen, ist es freilich nicht ungefährlich. So manches Mal musste er sich nähen lassen, weil eine Tatze ihm die Haut aufgerissen hat. Bei der üblichen stürmischen Begrüßung hat der Löwe ihm auch schon einmal eine Rippe gebrochen. Das war kein Ende der Freundschaft. Zu sehr weiß er die Gemeinschaft mit dem Löwen zu schätzen. 

Älter als der Bericht von Noah und der Sintflut ist der über Gilgamesch und seinen legendären Freund, den Löwenmann Enkidu. "Sie sind eins und teilen nicht nur Tisch und Bett und ihre Frauen, sondern jede Freud und jedes Leid. Enkidu ist die beseelte Seite Gilgameschs, der mit den Instinkten eines Löwen begabte, dennoch oder gerade deswegen ohne Falsch und Hinterlist Lebende und Denkende, wo Gilgamesch eitel, ruhm- und machtbesessen ist, aber auch ein selbstbewußter Herrscher und kampferprobter Feldherr. Sie kennen und lieben die Stärken wie die Schwächen ihres Widerparts und erleben, wie sie vereint unbesiegbar sind." (Stephan Grundy: Gilgamesch)

Der nackte, behaarte und wilde Enkidu lebte zunächst mit den Gazellen der Steppe, aß Gras mit ihnen und trank mit ihnen von der Wasserstelle. Auch beschützte er sie vor den Fallen des Fallenstellers, des Urjägers, und zog so dessen Zorn auf sich, da dieser seiner Arbeit nicht ungehindert nachgehen konnte. Dieser beschwerte sich daraufhin bei seinem Vater, der ihm riet, sich an König Gilgamesch von Uruk zu wenden. Gilgamesch, der ein Drittel Mensch, zwei Drittel Gott ist, hatte durch einen Traum bereits von Enkidu erfahren und riet dem Fallensteller Hierodule Schamchat mitzuführen, deren Macht der eines Mannes gleich sei. Enkidu erlag somit der Sinnlichkeit der von Gilgamesch gesandten Tempeldienerin Schamchat, vereinigte sich sieben Tage und Nächte mit ihr und wurde so „zivilisiert“ und der Natur entfremdet. [...]" (Wikipedia)

Gemeinsam gelingt es ihnen, den Himmelsstier zu besiegen. Doch die Götter strafen Enkidu für diese Tat, er stirbt und Gilgamesch sucht ihn in der Unterwelt. Dort merkt Gilgamesch, dass er allein hilflos ist. Die ihm überlegenen Mächte helfen ihm aber mit guten Ratschlägen aus, statt ihn zu vernichten. Und er seinerseits weiß, dass er ohne ihre Hilfe sein Ziel nicht erreichen kann.


15.8.26

Tanach, Bibel und Koran

 www.islamseite.de arbeitet sehr schön logische Widersprüche zwischen Aussagen des Koran heraus.

Das heißt aber nicht, dass alle Aussagen des Koran falsch sein müssten.

Wenn man eine Offenbarung Gottes als den Ursprung der Religion annimmt, an die man glaubt, dann liegt kein Widerspruch darin, wenn Gott sich Menschen aus verschiedenen Lebenszusammenhängen verschieden offenbart. Denn Menschen können doch "offenbar" nur an das glauben, was zu ihnen passt.

Judentum, Christentum und Islam haben das Phänomen der Offenbarung Gottes gemeinsam. Schon in der ältesten schriftlichen Fassung der abrahamitischen Religionen, dem jüdischen Tanach, wird von vielen Offenbarungen Gottes an die verschiedenen Propheten berichtet. Ein Beispiel sind die 10 Gebote, die Moses am Berg Sinai offenbart worden sind. Dazu passen die Offenbarungen, die der Jude Jesus erfahren hat, und deren eigenständiger Charakter in der Bergpredigt besonders gut zum Ausdruck kommt. Mohammed hat seinerseits im Laufe seines Lebens viele Offenbarungen Gottes erfahren, die im Koran zusammengefasst werden. Da er sie von Gott empfangen hat, legt es sich nahe, dass er sie nicht in verschiedene Kapitel "Gott Vater", "Gott Sohn", "Heiliger Geist" unterteilt hat, denn der offenbarte christliche Gott ist ja ein Gott und besteht nicht aus drei verschiedenen Göttern. Jesus selbst hat nach der Aussage des neuen Testaments auf kommende Offenbarungen verwiesen ("Der heilige Geist wird euch alles lehren."), deren erste Im Pfingsterlebnis in der Apostelgeschichte bezeugt wird. Damit ist von Jesus auch schon auf die Offenbarungen Mohammeds verwiesen, die freilich nicht wie die jüdischen 10 Gebote in Stein gemeißelt waren (und zerbrochen werden konnten, als das jüdische Volk von ihnen abfiel), sondern (anscheinend gegen Mohammeds Willen) viele Jahre später schriftlich festgehalten wurden.

Die vielen Propheten, die auf Mohammed folgten, haben nur vergleichsweise kleine Jüngerscharen gewonnen. Die Möglichkeit einer Begegnung mit dem lebendigen Gott wird aber in allen Texten, die sich auf Offenbarungen Gottes berufen, bezeugt.

Dass Menschen, die Offenbarungen erleben, unterschiedliche erleben, liegt daran, dass Menschen zwar alle vor Gott gleich sind, aber Gott unterschiedlich erleben.

Wer eine der KIs, die im Auftrage von Multimilliardären entstehen, auffordert, eine allgemeingültige umfassende Gotteslehre zu formulieren, mag das gern tun. Er sollte aber damit rechnen, dass das, was dabei herauskommt, nicht gerade eine Offenbarung ist.

13.8.26

Dank an die Menschen und an die Technik, die internationale Kommunikation vereinfacht haben

 Heute bin ich aufgewacht mit dem Bedürfnis, alle die zu grüßen, mit denen ich dank des Internets mehr oder minder intensive Kontakte haben kann und darf. 

Beim Nachdenken über eine Rundmail bin ich schließlich darauf gekommen, dass dieses Internettagebuch der beste Platz ist für solch einen Gruß, auch wenn nur wenige es lesen.

Die Wikipedia ist gewiss die wichtigste Gemeinschaftsarbeit, zu der ich einen Teil beitragen konnte. Über die Wikipedia bin ich zum ZUM-Wiki und zu ZUM Unterrichten und allgemein zur ZUM gekommen, die mir mehr als so flüchtige Kontakte wie bei Wikipedianertreffen ermöglichte.

Die Wikipedia ermöglichte mit der Wikiversity  auch den Zusammenhang, der unter Lehrerbloggern entstehen konnte, zu dokumentieren und vielleicht ein bisschen zu stärken: Lehrerblogs. Twitter ermöglichte manchen Kontakt, der jetzt durch X von Musk zerstört worden ist.

Hier ist freilich auch der Punkt, wo anzusprechen ist, dass soziale Medien nicht nur wie Twitter Wissensmanagement, sondern auch Shitstürme/Shitstorms ermöglichen, die nicht nur wie Metoo Solidarität der Schwachen (vergleichbar mit der Solidarität mit den Schwachen (und moralisch Starken) über Amnesty) dienen, sondern auch dem unverhältnismäßig starken Angriff auf nicht selten unschuldige Einzelpersonen.

Spätestens hier habe ich das Feld des privaten Danks verlassen und bin in das moralisch Ambivalente Feld des Allgemeinen geraten.  

Bevor ich abbreche, aber Dank an alle, die im Netz für sozialen Zusammenhalt arbeiten. So auch bei gutefrage.net, wo leider auch viel Fragwürdiges geschieht.

Und damit auch ein Blick auf den Drohnenkrieg und den so hässlichen Teil unserer Wirklichkeit.


8.8.26

Was mich gegenwärtig beschäftigt

 Aus einer Mail an einen Bekannten:

Das Kapitel KI ist jetzt ja noch deutlich brisanter geworden
a) wegen des CO2-Ausstoßes
b) wegen der Überwachungsmöglichkeit der Bevölkerung
c) wegen der unzureichenden Überwachungsmöglichkeit der KI
d) wegen der Deregulierung, die die Multimilliardäre in Absprache mit Trump sicherstellen wollen und der Hassliebe zwischen dem ersten Dollarbillionär Musk und dem Präsidenten, der X gern für sich einsetzt und per Börsenmanipulation auf dem besten Weg zum Multimilliardär ist
e) ....
Die Wikipedia hat deswegen die Verwendung von KI für Texte verboten, sieht sich aber dem Angriff durch Musks Grokipedia ausgesetzt. Vorerst kann man darauf hinweisen, dass die Wikipedia China widerstanden hat, auch wenn sie aus China nahezu ausgeschlossen ist. Aber da die Foundation der Wikipedia auf US-Hoheitsgebiet arbeitet, ist sie vor Trumps Zugriff vielleicht noch weniger sicher als vor dem Zugriff des Großkapitals.

Andererseits stelle ich fest, dass ich nach der ersten KI-Kritik (eine - ich glaube es war Gemini - sah Leo XIV. noch nach Monaten als nicht-existent an) jetzt erfahre, dass sie für Recherchezwecke so wichtig sind, dass ich nicht auf sie verzichte, weil der Boykott einer Einzelperson sowieso  nichts rettet.
Der von mir geschätzte Jean-Pol Martin ist seit Monaten daran, den KIs die Neuen Menschenrechte beizubringen. Ich halte es für ein aussichtsloses Unterfangen; aber Hoffnung muss man sich verdienen und so versuche ich ihn bei seiner Arbeit zu begleiten. Er hat seit über einem Jahr große Schmerzen, aber an der Arbeit ist er mit großer Energie - wohl auch, weil er sich über KI mehr Bekanntheit für seine Projekte verspricht und - nicht ganz ungefährlich - unter Zusammenarbeit mit 7 KIs, vornehmlich ChatGPT und Claude.

Jetzt stelle ich noch Links hinzu, die vielleicht interessieren könnten: 
Silicon Valley, Abwicklung der vormals Hoffnung weckenden USA, Steinbecks "Früchte des Zorns", die inneramerikanische Fluchtgeschichte der 1930er Jahre sowie "Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise" aus dem Jahr 2016.

2.8.26

Antwort auf einen Bericht von Rentner04, der seinen schweren Aufstieg in der Nachkriegszeit schilderte

 @Rentner04

Ich danke Rentner04 für diesen wichtigen Bericht. Mir wurde im Unterschied zu ihm, obwohl ich ebenfalls Kriegswaise bin, vieles geschenkt. Als Jüngster von 5 Geschwistern profitierte ich von dem, was meine Geschwister weit mühsamer erreicht hatten.

Doch die jüngeren Generationen haben vieles schwerer als ich, der ich - im Krieg geboren und den Hungerwinter von 1947 ohne Erinnerung daran überstanden - in Zeiten des Wirtschaftswunders aufgewachsen immer größeren Wohlstand erlebte.

Wegen des Klimawandels und weil die erhoffte Friedensdividende in den 90er Jahren verspielt wurde, stehen diese Generationen, besonders die meiner Enkel, vor einer ungewissen Zukunft, von der nur eines sicher ist: Vieles, was in den Zeiten der jungen Bundesrepublik noch selbstverständlich war, wird nur mit großen Anstrengungen zu bewahren sein. Die 20 Ratschläge, die J. Randers in seinem Bericht an den Club of Rome 2012 handeln davon, insbesondere dieser: "Tun Sie mehr als Sie müssen. So vermeiden Sie später ein schlechtes Gewissen." Die "Gnade der späten Geburt", nicht mitschuldig an den Verbrechen des NS-Staates geworden zu sein, hat sich für die kommenden Generationen verwandelt in das schwere Schicksal, mit den Folgen der Unterlassungen der Wohlstandsgenerationen in den Industrieländern (in der zweiten Jahrhunderthälfte des 20. und dem ersten Drittel des 21. Jahrhunderts) leben zu müssen. Dazu gehört, dass sie in den Ländern des Globalen Nordens mehr für die Bewahrung der gegenwärtigen Zivilisation tun sollten, als für ein auskömmliches Überleben nötig ist, damit sie nicht angesichts der absehbaren Zukunft ein schlechtes Gewissen oder schlimmer: Mitschuld haben werden an dem, was kommt.

Ein bloßes "Die Politiker sind schuld" hilft da nicht und schon gar nicht die Vorstellung, die Benachteiligten des Globalen Südens seien selbst schuld an ihren Problemen.

15.4.26

Glühende Kohlen

 Agapitus wurden "glühende Kohlen aufs Haupt" gestreut.

Die davon abgeleitete Metapher: "glühende Kohlen aufs Haupt sammeln" war auch früher ein sehr starker Ausdruck dafür, dass jemand mit seiner Hilfsbereitschaft den anderen zu so großer Dankbarkeit verpflichtet, dass er das nicht in gleichem Maße erwidern könne. Dafür gibt es sonst die ebenfalls ein wenig hyperbolische Formel: Das kann ich gar  "nicht wieder gutmachen". So als ob ein Fehler entstanden wäre, der erst bei gleichwertiger Gegenleistung "ausgebügelt" wäre. 

Angesichts der Arbeitsamkeit meiner Frau wäre ein gleichwertiger Beitrag zum Haushalt u.a. im Sinne der Gleichberechtigung freilich durchaus sinnvoll. Daher fielen mir, als meine Frau mich lobte, weil ich mal etwas für den Haushalt tat, die metaphorischen "glühenden Kohlen" ein.

Wie oft sie noch in diesem Sinne gebraucht werden?

Dazu eine KI:

"Der Ausdruck „glühende Kohlen aufs Haupt sammeln“ oder auch „feurige Kohlen auf jemandes Haupt sammeln“ stammt aus der Bibel (Sprüche 25,21-22) und bedeutet, jemandem durch Freundlichkeit oder Wohltaten zu begegnen, obwohl er einem Böses getan hat. Dadurch wird der andere durch diese Großmut sozusagen beschämt oder mit einem schlechten Gewissen belastet www.redensarten-index.de de.wiktionary.org.

Diese Redewendung wird vor allem im christlichen Kontext verwendet, um das Prinzip zu beschreiben, dass man Böses mit Gutem vergelten soll. Im Glaubensleben wird sie als Aufforderung verstanden, Feinden mit Güte zu begegnen, was symbolisch so wirkt, als ob man ihnen „glühende Kohlen aufs Haupt sammelt“ – also eine Art moralische oder geistige Reinigung und Beschämung bewirkt www.bibelpraxis.de www.wisdomlib.org www.aref.de.

Die Verwendung findet sich in Predigten, christlicher Literatur und auch in theologischen Erklärungen, wo das Motiv der Vergebung und der Güte gegenüber dem Feind hervorgehoben wird. Dabei wird die Redewendung oft genutzt, um zu verdeutlichen, dass Freundlichkeit gegenüber einem Gegner dessen schlechtes Gewissen oder seine Schuldgefühle verstärken kann www.logo-buch.de www.redensarten-index.de.

Kurz gesagt: Der Ausdruck wird überwiegend in religiösen und moralischen Zusammenhängen gebraucht, um zu zeigen, wie man durch wohlwollendes Verhalten gegenüber einem, der einem Unrecht getan hat, diesen Menschen innerlich bewegen oder beschämen kann de.wiktionary.org www.aref.de."

11.4.26

"Lokale" Wikipedia?

 Kann eine Sprachversion der Wikipedia, des weitverbreitetsten Enzyklopädie der Welt, lokal sein?

Ich gebe zu, dass der Begriff Sprachversion nicht eben geläufig ist, aber in Sachen Internet ist doch allenfalls ein Provider lokal. 

Andererseits ist bemerkenswert, dass zwar - wenn von der englisch-, französischsprachigen ... Wikipedia immer wieder von Sprachversion gesprochen wird, dass es aber weder in der Wikipedia noch im Wiktionary einen Artikel Sprachversion gibt, 

19.12.25

Günter Wallraff

 Ein Zeitungsbericht über Wallraff und ein Auszug aus dem Wikipediaartikel zu "Ganz unten" findet sich hier

Ich will bei Gelegenheit mehr dazu schreiben. Hier nur so viel:

Als ich las 83 Jahre, so wenig älter als ich und dann so eine Lebensleistung, so viel Leben in einem Leben.

Was hat er alles aufgedeckt. Wie viel wurde verändert. Wie viel kam in veränderter Form wieder zurück.

Er sagt über sich selbst: "Ich möchte zu denen gehören, die nicht dazugehören".

Über aktuellen Problemen hat man ihn vergessen. Welcher Einsatz und welche Kritik.

"Kurz nach Erscheinen des Buches spazierte Aysel Özakin an einer Berliner Buchhandlung vorbei. 

Sie lebte seit knapp fünf Jahren in Deutschland, sie war eine bekannte und mit Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftstellerin aus der Türkei. Im Schaufenster schaute sie vom Buchdeckel das 

finstere Gesicht des als Ali verkleideten Günter Wallraff an. Es war der Moment, in dem sie beschloss, Deutschland zu verlassen.

"Als ich dieses Gesicht sah, konnte ich einfach nicht mehr", sagt Özakin heute. 

Sie ist, wie Wallraff, 83 Jahre alt und lebt mittlerweile in Los Angeles.

Seit ihrer Ankunft in Berlin habe sie versucht, dort als Schriftstellerin anerkannt 

zu werden. 

Doch immer sei sie von den Buchhändlern ins Regal der Gastarbeiterliteratur einsortiert 

worden. 

Nach dem Erfolg von Ganz unten habe sie das Gefühl gehabt, dass sich daran auch 

nichts mehr ändern werde. 

"Wegen des Buchs glaubten die Deutschen, alle Türken seien so wie von Wallraff dargestellt: 

arm, unterdrückt und ungebildet. Und weil sie so sind, muss man sich um sie kümmern. 

Das fand ich bevormundend."

Sie selbst habe nach der Veröffentlichung einen Zettel in ihrer Wohnung gefunden, 

ein Nachbar hatte ihn unter der Tür durchgeschoben: "An Ihrem Namen erkenne ich, 

daß Sie Türkin sind. Ich habe Ganz unten gelesen und mich entschlossen, einem Türken

zu helfen. Ich wohne im ersten Stock."

Bald darauf packte sie ihre Sachen und zog nach England. Bereut habe sie den 

Wegzug nie, sagt Özakin. Sie sei Wallraff auch nicht böse. "Er hat nur seinen Job gemacht." Er sei Journalist und habe als Journalist nun mal diese Perspektive gewählt, um über 

Türken zu schreiben. 

"Das Problem war, dass diese Perspektive so riesengroß in Deutschland wurde." 

("Ich möchte zu denen gehören, die nicht dazugehören"  ZEIT Nr.54, 16.12.2025)

Sie erfährt die Zurücksetzung, gegen die er anschreibt, und ist ihm nicht dankbar dafür, 

dass er das tut, weil sie selbst anderer Gegenstände hat und mit denen in Deutschland 

nicht ankommt. Sie erfährt, dass sie in Großbritannien und den USA mit ihren Themen 

besser ankommt. 

2.10.25

"The Scar of David" oder "Mornings in Jenin"

 Am Tag der deutschen Einheit, 35 Jahre nach der deutschen Einigung, lese ich in dem Roman einer US-Bürgerin mit palästinensischem Migrationshintergrund (Susan Abulhawa), die versucht, ihre Vorgeschichte als Palästinenserin mit der Geschichte des jüdischen Volkes in Einklang zu bringen. 

Sie weiß, dass Palästinenser seit vielen Jahrzehnten darunter gelitten haben, dass ihnen ihr Land genommen wurde, weil vor über 100 Jahren ein Jude den Gedanken entwickelt hat, dass sein Volk nach nahezu 2000 Jahren in der Diaspora wieder in seine Heimat zurückkehren könne.

Zwei Völker ohne Land und zwei Völker mit Anspruch auf ihre Heimat. Juden mit Anspruch auf ihre Heimat Israel und Araber mit Anspruch auf ihre Heimat Palästina.

Sie greift den Gedanken auf, der der jüdischen Religion und dem Islam zugrunde liegt, dass Araber (Palästinenser) und Juden (Israelis) Brüder sind. Brüder, weil sie die Nachkommen eines gemeinsamen Vaters sind: AbrahamIsmael* der Sohn der Magd Hagar und Isaak, der Sohn der Herrin Sara

(Ismael ist der Erstgeborene, Isaak der Sohn der Hauptfrau Abrahams. Der Gedanke wird bei den Söhnen Isaaks Esau und Jakob aufgegriffen (Esau der Erstgeborene und Jakob der, der den Segen Isaaks empfängt)

Und zwar lässt sie zwei palästinensische Zwillingsbrüder Yousef und Ismael getrennt aufwachsen, Yousef in einem palästinensischen Flüchtlingslager und Ismael unter dem Namen David in Israel. (Ismael wurde von dem Israeli Moshe, der für seine unfruchtbare Frau ein Kind suchte, seiner Mutter während der Verwirrung einer Flucht weggenommen, erfährt aber die volle Liebe seiner israelischen Mutter, die ihn als Gottesgeschenk annimmt.) Nur an seiner Narbe, die vor der Trennung von seinem Zwillingsbruder entstanden ist, wird David später erfahren, dass er von der Herkunft kein Israeli, sondern Palästinenser ist.

So gelingt es Abulhawa, den Israeli, der - im Kampf um seine Heimat - Palästinenser unterdrückt, zum Palästinenser zu machen, der im Unterschied zu seinem Zwillingsbruder Bürger Israels mit allen Rechten wird.) Im Kampf für seine Heimat wird dieser David/Ismael also unschuldig schuldig, insofern er seinem Zwillingsbruder Yousef  dessen Recht auf seine Heimat Palästina bestreitet. (Die Gemeinsamkeiten der Urväter Ismael (Araber) und Isaak (Juden) wird hier genau herausgearbeitet.)

*Dass  Ismael, nach dem Koran der Stammvater der Araber, ausgerechnet der Name des Palästinensers ist, der als Israeli aufwächst und den Namen David erhält, gehört zu den vielen Anspielungen und Konnotationen, die in Abulhawas Roman so eine große Rolle spielen.

Aktuell wird Abulhawas Roman von 2006 in der gegenwärtigen Situation, wo die Vertreibung oder Vernichtung der Palästinenser auf dem Gazastreifen droht und durch Trumps 20-Punkte-Programm vermieden werden soll, an dem freilich kein Palästinenser mitwirken durfte und über dessen Schicksal die Hamas zu entscheiden hat, die - zumindest dem Anschein nach - die Palästinenser auf dem Gazastreifen eher unterdrückt als regiert hat.

Die Tatsache, dass ich am Tag der deutschen Einigung schreibe, weist auf Gemeinsamkeiten (und ganz wesentliche Unterschiede) zwischen der Situation im vereinigten Deutschland und in Israel/Palästina hin.

So wie in Israel arabische und  jüdische Israelis zusammen wohnen, so leben im heutigen Deutschland Ost- und Westdeutsche zusammen. Araber und Ostdeutsche empfinden sich in mancher Weise als Bürger mit ungleichen Rechten: DDR-Bürger haben darunter gelitten, dass die sowjetische Zone und spätere DDR mehr Reparationen zu leisten hatte als die westdeutschen Zonen und spätere BRD. Zusätzlich erhielt die BRD großzügige Hilfen durch den Marshallplan und zu allem Überfluss konnten Westdeutsche nach der Einigung Anspruch auf ihren (in DDR-Zeiten enteigneten Grundbesitz) geltend machen und Westdeutsche in vielen Fällen Führungspositionen in den neuen Bundesländern übernehmen (zwei Ministerpräsidenten - Sachsen und Thüringen) und zu allem Überfluss westdeutsche Unternehmen nicht selten ostdeutsche zu einem Spottpreis (1 DM) übernehmen, weil denen ihr Absatzmarkt genommen war und sie somit abgewickelt wurden. Was vom Geschäftsmodell realistisch erschien, erwies sich aber nicht selten als große Ungerechtigkeit, weil die westdeutschen Unternehmen praktisch kostenlos Grundbesitz erwarben, der mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Gesamtdeutschlands eine erhebliche Wertsteigerung erfuhr. Die gewaltigen Unterschiede zwischen Deutschen und Palästinensern und Israelis sind mit dem Wort Holocaust angedeutet, können aber hier nicht erläutert werden.

Aber dass arabische Israelis und Palästinenser bei den Entscheidungen über ihr Schicksal (20-Punkte-Programm) kaum ein Wort mitzureden haben, haben sie gemeinsam mit den Ostdeutschen, deren Vertreter (gewaltlose Revolution) bei den Verhandlungen über die Einigung (2+4 Vertrag) und Einigungsvertrag 1990 nicht ganz gleichberechtigt mitwirken konnten. 

Dieser Blog ist an sich im Unterschied zu meinen anderen meinem ganz persönlichen Leben und Empfinden gewidmet; aber in der gegenwärtigen Situation spielt dabei die Vorgeschichte der gegenwärtigen Probleme im Nahen Osten und für die deutsche Demokratie eine ganz wesentliche Rolle. 

24.8.25

Erinnerung an eine Klassenfahrt mit der DS2 der ES Culham

 Es ging nach Cirencester. Frau Castell begleitete die Gruppe der Fahrradfahrer mit dem Auto. 

Unmittelbar bei der Abfahrt stürzte eine Schülerin, als sie blindlings losfuhr und mit einem Radfahrer kollidierte. Das Fahrrad war danach fahruntauglich. Ob und - gegebenenfalls wie -Ersatz beschafft wurde, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. 

Ob zeitweise auch Frau Kaper mit dem Auto dabei war?

27.7.25

Ein 25-jähriger plant, allein eine Wikipedia zu schreiben

Johann Gottfried Herder

 Nantes, 1769: Plan eines Universaltagebuchs

"Welch ein Werk über das menschliche Geschlecht! den menschlichen Geist! die Kultur der Erde! aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte! Mischungen! Gestalten! Asiatische Religion! und Chronologie und Polizei und Philosophie! Ägyptische Kunst und Luxus, Philosophie und Polizei! Phönizische Arithmetik und Sprache und Luxus! Griechisches Alles! Römisches Alles! Nordische Religion, Recht, Sitten, Krieg, Ehre! Papistische Zeit, Mönche, Gelehrsamkeit! Nordisch-asiatische Kreuzzieher, Wallfahrer, Ritter! Christliche heidnische Aufweckung der Gelehrsamkeit! / [Frankreich, England, Holland, Deutschland] Chinesische, japanische Politik! Naturlehre einer neuen Welt! Amerikanische Sitten usw. - -  Großes Thema: das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, bis dass es alles geschehe! Bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen! Universalgeschichte der Bildung der Welt!

Wie viel liegt aber vor mir, diesen Schein des Ansehens zu erreichen und der erste Menschenkenner nach meinem Stande, in meiner Provinz zu werden!
 Bin ichs geworden, so will ich diesen Pfad nicht verlassen und mir selbst gleichsam ein Journal halten der Menschenkenntnisse, die ich täglich aus meinem Leben, und derer, die ich aus Schriften sammle. Ein solcher Plan wird mich beständig auf einer Art von Reise unter Menschen erhalten Und der Falte zuvorkommen, in die ich mich meine einförmige Lage in einem abgelegenen skytischen Winkel der Erde schlagen könnte! Dazu will ich eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften, in denen Deutschland jetzt seine Periode anfängt und Frankreich, das ganz Konvention und Blendwerk ist, die seinige verlebt hat, unterhalten. [...]" (S. 645/46)
"Mein Leben ist ein Gang durch gotische Wölbungen oder wenigstens durch eine Allee voll grüner Schatten; die Aussicht ist immer ehrwürdig und erhaben: der Eintritt war eine Art Schauder; so, aber eine andere Verwirrung wirds sein, wenn plötzlich die Allee sich öffnet und ich mich auf dem Freien fühle. Jetzt ists Pflicht, diese Eindrücke so gut zu brauchen, als man kann, Gedanken voll zu wandeln, aber auch die Sonne zu betrachten, die sich durch die Blätter bricht und desto lieblichere Schatten malet, die Wiesen zu betrachten, mit dem Getümmel darauf, aber doch immer im Gange zu bleiben." (S.648) 

26.7.25

Jugendlektüre mit nationalistischem Gedankengut (das zur NS-Ideologie hinführte)


Wilhelm Kotzde

u.a.: "Und deutsch sei die Erde" 1912 (Meiner Erinnerung nach eine Darstellung zur deutschen Ostkolonisation durch "Albrecht der Bär") Das Buch hat mir damals gefallen. 2008/09, als ich das Exemplar einmal wieder in Händen hatte, habe ich mir von den ersten Seiten ein paar Zitate notiert:

"Das Land der Sachsen, in das der Wende haßerfüllten Auges, immer in Furcht und Grimm, blickte. [...] o, furchtbar war der Christengott, sein Arm war scharf wie Schwertes Schneide, sein Grimm wie Donners Groll." (S.7)

"Es mahnte den Wenden, daß eine blondhaarige Königstochter aus dem Norden an des Fürsten Seite saß, daß ihr mildes blaues Auge in manch gramerfülltes Wendenauge mit der Liebe Christi blickte und dem Herrn des Himmels und der Erde und der Unterwelt droben auf dem Berge [der "Tempel Triglaws"] die Herzen seiner Wendenkinder nehmen wollte." (S.8)

Damals (2008/09) habe ich auch erstmals von  Kotzde "Die Burg im Osten. Das Schicksal einer Ritterschaft" (1925) angesehen. Zitate daraus:

Aus dem "Voraus" [Vorwort]: "Nun ich diese Dichtung von dem hochgemuten Ringen und dem heldischen Sterben der Brüder vom deutschen Hause Sankt Marien und dem wundersamen Schaffen des Meisters Klaus Fellenstein vollendete. [...] S.5 *

[Herzogin Anne] "Sie fühlte oft ein heißes Verlangen, zu den Deutschen zurückzukehren und an ihre Herzen zu pochen." (S.209)

"Sie hatte alle ihre Sorge und Hingabe wie einen Mantel um ihres Gatten Seele schlagen wollen, um diese niemals daraus zu entlassen. Doch er hatte sich wieder entwunden und ging wie ein flüchtiger Falke, von dem man nicht weiß, in welchem Wipfel er aufbaumen wird." (S.213)

dazu:

"Annaberger Annalen 20/2012 [Seite 27] Litauer aus deutsch-völkischer Perspektive: 

Analyse populärer Erzähltexte über die Kriege des Deutschen Ordens Manfred Klein

" […] danke ich den vielhunderttausend Toten aus unserm Blut, die des weiten Ostens Erde deckt, grüße ich jenen Kommenden, der verlorenen deutschen Volks- und Kulturboden zurückgewinnen und uns das Tor nach dem Osten aufschlagen wird – ein Land gehört jenem, der ihm die höchste Kultur giebt. Sonnenwende 1925.1 Dieser Schluss eines gewissermaßen hymnischen Textes, in dem auch sonst von „hochgemutem Ringen“ und „heldischem Sterben“ die Rede ist, findet sich im „Voraus“ zu einem Roman über den Deutschen Orden und dessen Auseinandersetzung mit Litauen und Polen bis zur Entscheidungsschlacht bei Grunwald/Žalgiris/Tannenberg 1410. Er spinnt den Mythos vom „deutschen Volks und Kulturboden“ im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts fort und projiziert ihn in eine nahe Zukunft, die dann bekanntlich erheblich anders aussah, als der Verfasser sie sich 1925 offenkundig vorgestellt hatte. In einer Arbeit über die Mythisierung einiger Protagonisten jener spätmittelalterlichen Konflikte in der litauischen, polnischen und deutschen Historiographie – und darum herum – kommt der litauische Historiker Alvydas Nikžentaitis zu dem lapidaren Ergebnis: „Kein Zweifel, dass grundlegende Quellen des Nationalismus in den Interpretationen der Geschichte zu finden sind.“2 (zur Fortsetzung)

So wurde also 1912 und 1925 geschrieben, und den Text von 1912 habe ich in den 1950er Jahren mit Interesse gelesen. In der Zeit auch Heftchen über Germanen"führer", ein Titel war "Wiking in Südland" über die Warägergarde und die Waräger. 

Übersicht zum Buch anhand einer KI (Googlesuche)

"Der Satz "Und deutsch sei die Erde" ist ein Zitat aus dem Titel eines Buches 
von Wilhelm Kotzde-Kottenrodt aus dem Jahr 1935*
"Und deutsch sei die Erde!: Aus der Zeit deutscher Grösse"
Es ist ein Ausdruck des damaligen Nationalismus und des 
Anspruchs auf eine deutsche Vorherrschaft oder kulturelle 
Dominanz. Der Titel suggeriert eine Verbindung zwischen 
der deutschen Nation und der Erde, wobei "deutsch" als 
eine übergeordnete oder bestimmende Kraft dargestellt wird. 
Die Aussage ist historisch im Kontext des Nationalsozialismus 
zu sehen, einer Ideologie, die eine überlegene deutsche 
Kultur und Rasse propagierte. Die Vorstellung, dass die 
Erde "deutsch" sein solle, ist Ausdruck dieses Gedankenguts 
und hat keine wissenschaftliche oder sachliche Grundlage. 
Es ist wichtig zu betonen, dass diese Aussage heute als überholt 
und zutiefst problematisch angesehen wird. Die Erde ist ein 
Planet für alle Menschen, unabhängig von ihrer Nationalität 
oder Herkunft, und eine solche nationalistische Aussage 
ist nicht vereinbar mit den Werten einer offenen und 
friedlichen Weltgemeinschaft. "
* In Wirklichkeit ist das Buch (mit dem Untertitel 
"Aus der Zeit deutscher Größe") 1912 erschienen.
Während mir 2008/09 nur gelang, kurze Einzelzitate festzuhalten, 
erschien 2012 also schon eine ausführliche Einordnung des Textes, 
die ich 2025 per Google finden kann. Die KI liefert zu "Und deutsch sei die Erde" arg verkürzt etwas Ähnliches, allerdings mit einer missverständlichen Jahreszahl.

25.7.25

Über den Wert von Gedankenaustausch und Selbstreflexion

 Es tut mir Leid, dass ich auf deine letzte Einladung zum Treffen im Internet nicht reagiert habe, obwohl sie ja ca. 1 1/2 Stunden vor dem Termin erfolgte. Deshalb möchte ich sehr gern unseren Gesprächsfaden, den du dankenswerterweise fortgesponnen hast, nicht verlieren. 

Reflexion über sein Selbstverständnis, Blick von unterschiedlichen Standpunkten auf das Weltgeschehen und auf den Vorgang der eigenen Veränderung ist für andere Menschen als die großen Einzelnen (https://fontanefan3.blogspot.com/2022/03/rudiger-safranski-einzeln-sein-eine.html) wie Kierkegaard (https://wisenundglauben.blogspot.com/2025/07/soren-kierkegaard.html) ja sehr wichtig, zumal in Situationen, wo wichtige Entscheidungen anstehen. Und die große Möglichkeit, die mit Twitter mal existierte, ist uns ja durch Musk genommen worden. Mir jedenfalls ist Mastodon kein Ersatz geworden. Mein Aufenthalt auf https://www.gutefrage.net/nutzer/Fontanefan beschert zwar meinem inneren Drang, im Gespräch zu bleiben und dem Auseinanderdriften der Gesellschaft entgegenzutreten, einen gewissen Ausweg; aber einen direkten Austausch mit Menschen, die einen in Frage stellen können und bei denen man sich vergewissern kann, doch nur sehr bedingt. 
Jeanpol geht gegenwärtig den Weg der direkten Zusammenarbeit mit der KI, weil für ihn das Wichtigste ist, seinen grundlegenden Gedanken Reichweite zu geben. Und ich denke, dass das in seiner besonderen Situation durchaus richtig ist, auch wenn es den Weg einer Vereinzelnung  wie bei Kierkegaard bedeutet. (Die war ja bestimmt fruchtbar.)
Ich habe, nachdem ich mit 16 Jahren mit dem Tagebuchschreiben begonnen habe und dann in unregelmäßigen Abständen, aber meist nicht mit mehr als 5 Jahren mir über meine Lebensstationen Rechenschaft zu geben versucht auch im Blick auf meine Eltern und Verwandte früherer Generationen (Familie 1Familie 2).
Mein Interesse an Tagebüchern, Autobiographien und Biographien, hat mich in diesen Tagen zu einem Buch geführt, das ich nach 1986 angeschafft, aber nie anhaltend studiert und schon gar nicht ausgewertet und für mich dokumentiert habe: Europäische Tagebücher aus 4 Jahrhunderten. So etwas kann aber das Gespräch mit ähnlich Interessierten nicht ersetzen.
Deshalb will ich in nächster Zeit mehr auf deine E-Mails achten.
Herzliche Grüße

20.7.25

Fußballeuropameisterschaft der Frauen: Deutschland gegen Frankreich

 Ein historisches Spiel und eine schier unübertreffliche Werbung für den Frauenfußball.

Zwei erstaunlich gleichwertige Mannschaften, bei denen Kampfgeist und Einzelleistungen, Zufall und technisch mögliche korrekte Entscheidungen zusammenwirkten, um alles zu erreichen, was Fußball spannend machen kann.

"Gerecht" ist der Ausgang natürlich nicht, andererseits - ohne die beim Fußball mögliche Chance auf einen solchen Ausgang hätten die Spielerinnen nicht so viele Energien mobilisieren können.

Gesund ist ein solches Spiel freilich nicht, weder für Männer noch für Frauen. Und das Maß an Fairness, das beim Tennis möglich ist, hätte die Dramatik des Spiels unmöglich gemacht. Foulspiel als unersetzbares Element des Kampfgeistes?!


Ein Spielbericht ZEIT 20.7.2025



5.7.25

Erste Kriegsweihnacht 1939. Bericht an den Schwiegervater/Vater

 E, den 13.1.1940

Lieber Vater!

Die Ferientage waren für mich eine rechte Briefschreibezeit. Hauptsächlich nach Blankenburg musste ich mehrfach ausführlich schreiben. Es geht Vater nach dem letzten Nachrichten besser, er ist seit kurz vor Weihnachten zu Hause und ist anscheinend ganz gut vorangekommen in der Zeit. Aber er war ja unglaublich schwach (92 Pfund!), und das ist nicht so leicht wieder eingeholt. Mutter hat nun mit der Pflege, dem Haushalt, der Erschwerung durch Kälte und umständliches Einkaufen, sehr viel zu tun und ist anscheinend sehr herunter. Da habe ich ein paarmal sehr ausführlich geschrieben und von den Kindern erzählt. Die Großeltern haben sie nun diesen Herbst nicht sehen können, wie es geplant war, da sollten sie wenigstens von ihnen hören. Meine Schwester wohnt jetzt für den Winter mit bei den Eltern in Blankenburg und fährt jeden Tag nach Rudolstadt hinüber. Sie hat sehr viel und sehr anstrengende Arbeit, mit [tiefer?] nicht zu wenig Schwierigkeiten und Ärger (Zurückgeführte und Wohnunleserlich unterzubringen geht sicher nicht ohne kleine Reibereien), kann also Mutter gar nicht helfen. Aber wir sind so froh, dass es Vater besser geht! Er ist nun doch Weihnachten zu Hause gewesen, und die Eltern und m. Verwandte haben doch ein Weihnachtsfest richtig gelebt, wenn auch in aller Stille.

Still ging es bei uns nicht zu, das kannst du dir denken! Wir haben uns so über diese Festtage mit den Kindern gefreut! Wie unverdient gut geht es uns in einer solchen Zeit!

Es kommt eben alles darauf an, dass man dieses Gute nicht als selbstverständlich, sondern als Geschenk nimmt und dabei nie die Bereitschaft zum Einsatz und zum Opfer verliert. – Der Gabentisch zu Weihnachten und zu meinen Geburtstage war so reich belegt, wie lange nicht. Dass man praktische Dinge wie Wäsche und Kleidung nicht schenken kann, hat eben auch sein Gutes. Bei mir ist auf diese Weise der Bücherbestand wieder vermehrt worden. Für deine doppelte Beisteuer dazu, zu Weihnachten und zum Geburtstage, hab herzlichen Dank! Du hast mir damit eine große Freude gemacht! Du weißt ja selbst, wie einem gerade ein wissenschaftliches Buch aus dem eigenen Arbeitsgebiet erfreuen und fesseln kann. So geht es mir mit der [schwer leserlich] römischen Geschichte, in der ich jetzt jede freie Stunde fast lese. Da ich auch von meinen Eltern Geld bekam, zum Kaufen unleserlich, konnte ich gestern noch einmal zum Buchhändler gehen und ein paar kleinere Sachen, die mir sehr fehlten, bestellen.

Wir freuen uns, dass ihr Geschwister diese Zeit des Zusammenseins im deutschen Danzig, sich so schön ausnutzt. Es muss euch doch ganz eigenartig sein, nach so langer Zeit wieder alle zusammen zu sein, und noch zu einem solchen Zeitpunkt. Grüße mir bitte alle recht schön und sage auch von mir noch herzlichen Dank für die Weihnachtskarten, den Lene im Namen der Familie wohl schon ausgesprochen hat. Dass Luise nicht bei euch sein konnte, war sehr schade.  Wir haben es erst sehr spät und zwar durch eine Bemerkung von Ilse E. erfahren. Aber nun ist sie anscheinend über den Berg und wird sich wohl bei den Streichen und der Lebendigkeit des Günterleins [geboren 1937] über die verdorbenen Weihnachtsferien beruhigen. Sage bitte auch H. einen herzlichen Gruß und Dank für deine Neujahrswünsche. Wir wissen jedes Wort, das er schreibt, dem Werte nach einzuschätzen und sind deshalb für seine Grüße sehr dankbar. Aber ich weiß nicht, ob ich heute und morgen (nur das Wochenende steht zur Verfügung) dazu komme, noch an ihn zu schreiben.

Wenn du nach deiner Rückkehr aus Danzig wieder einmal rüberkommst, uns zu besuchen, wirst du staunen. Über deine Enkel, vor allem Elisabeth, die sich sehr herausmacht, wenn auch ihre Sprache in einem [unleserlich] primitiven Stadium steckt. Aber man merkt, wie sie vorankommt. Nur mich wundert es immer wieder, wie sie mit einem unglaublich kleinen – nicht Wort-, sondern Silbenschatz, denn sie verwendet fast nur Silben, sich verständlich macht und ganze Sätze bildet. So heißt: "Woff mich mich snell!" was sie mir gestern etwa zehnmal geboten hat: "Das kleine Mäuschen läuft nicht mehr, bitte, lieber Vater, ziehe es wieder auf."

Aber das Kinderthema will ich näher nicht noch anschneiden, sonst komme ich heute nicht mehr ins Bett; denn es ist ja unerschöpflich.

Noch einmal: hab recht herzlichen Dank, grüße alle Danziger, nutze die Zeit in Danzig noch recht aus! Wir alle grüßen dich herzlich!

Dein J.


L.: J. steigt in die römische Geschichte, da will ich schnell noch in der Kindergeschichte fortfahren. "O Baum ling ling = am Weihnachtsbaum waren Glöckchen. "O Baum ling ling nicht Buch" = Aber an dem Weihnachtsbaum im Buch sind keine Glöckchen. "Hotte, hotte doch lingl ing" = Die Schlittenpferde haben auch Glöckchen. "Atta nich poh, poh, Po weh, Po eijich" =, Mutter, du musst mich nicht hauen, das tut meinem Po weh, du musst meinen Po wieder streicheln, das tut ihm gut. "Ich apo, nich dei dei". = Ich will jetzt aufstehen, nicht mehr schlafen. "Ich mamam, nich hop hop" = Ich will Suppe essen, keine klein geschnittenen Stückchen Brot. "Ich doch hoddewä" = Ich will auch auf dem Stühlchen da oben sitzen und die Peitsche in der Hand haben und Kutscher spielen und hochderweg rufen. "Itti agon poh poh"! = Helmut hat mich auf meinen Kopf gehauen (Haare). " tö tö wull" = Stell das Töpfchen aufs Fell, da will ich einen Bach machen. "Ich doch ling ling bach, wuch nich, wuch po" = Ich habe einen Bach gemacht, aber keine Wurst, die ist noch im Po. So geht es den ganzen Tag. Wann kommst du wieder zurück? In der Wünschelrute habe ich noch nichts gelesen, die Kinder brauchen mich zu viel und gehen ja auch vor. Mir geht es ganz gut, ich darf ja dankbar sein! Deine L.

16.6.25

KI (LLM) und Wikipedia, Archive für analoge Texte

 Die Wikipedia konnte so gute Fortschritte machen, weil in Lexika und der Vielfalt der Wikipedianer ein Thesaurus von Wissen vorlag, der genutzt wurde.

Ein wesentlicher Fortschritt wurde erreicht, als die Anbindung an analog-schriftliche Texte gefordert und mithilfe der Anmerkungen/Einzelnachweise technisch möglich wurde.

Die Wikipedia nutzte schon früh Bots (KI), um Fehlerquellen auszuschalten. Das ist den technikaffinen jungen Wikipedianern zu verdanken. Dank des so entstandenen Thesaurus lag den LLMs (aktuell die meist diskutierte Form von KI) eine frei benutzbar gut  geordnete Textmasse vor, die zusammen mit anderen Reservoiren das extrem hohe Lerntempo der LLMs ermöglichte. (Zur Arbeitsweise eines LLM sieh hier)

Aufgrund des hohen Lerntempos  der LLMs und der extrem beschleunigten Verbreitung solcher maschinell erstellten Texte scheint mir jetzt besonders wichtig, dass genügend noch analog erstellte Texte zum Vergleich mit den LLM-Texten zur Verfügung stehen.

Daraus ergibt sich für mich, dass die Aufbereitung analoger Texte für maschinelle Lesbarkeit noch wichtiger wird als ich vorher annahm. Ich sehe mich jetzt genötigt, viele ungelesene handschriftliche Materialien, die in meiner Familie über Generationen aufbewahrt wurden, zu entziffern, bevor sie wegen Unlesbarkeit fortgeworfen werden, oder sie an Institutionen  eiterzugeben, die darauf spezialisiert sind, Archivalien zu lagern.

Vor knapp 60 Jahren (um 1969) haben wir bei der Haushaltsauflosung meiner Mutter viele solcher Archivalien an das Staatsarchiv Marburg gegeben, von denen ich 1992 erfuhr, dass sie in Thüringen (dem Herkunftsort der Archivalien) schon genutzt worden waren.

Ungeordnete Briefe und Tagebücher werden von Staatsarchiven kaum genommen werden und die Lagerorte sollten im Internet auffindbar sein. Deshalb gebe ich z.B. Briefsammlungen u.ä. an die Landesschule Pforta und verweise bei Teilveröffentlichungen des Entzifferten im Internet auf den Platz, wo weitere analoge Materialien gesammelt sind.